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unizeit Nr. 49 vom 19.07.2008, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Tödliches Tropenfieber

Malariaerreger sind Überlebenskünstler. Einst wirksame Medikamente können ihnen heute oft nichts mehr anhaben. Kieler Forscher suchen neue Therapieansätze.


Jedes Jahr sterben 800.000 Kinder unter fünf Jahren in Afrika an Malaria. Dabei gibt es Hilfe. Die Erkrankung muss nur frühzeitig festgestellt und mit der neuen Kombinationstherapie behandelt werden. Foto: Picture Alliance

Dr. Christoph Gelhaus braucht für seine speziellen Zellkulturen regelmäßig Nachschub von der Kieler Blutbank – rote Blutkörperchen. Sie sind die Leib­speise oder genauer gesagt die Lebensgrundlage des Parasiten, den der Biologe aus der Abeilung Zoophysiologie im siebten Stock des Biologie­zentrums züchtet. In Kulturflaschen aus Plastik gedeiht unter seiner Obhut Plasmodium falciparum – der Erreger der oft tödlich verlaufenden Malaria tropica. Der Einzeller lebt in und von den roten Blutkörperchen und ist der gefährlichste der vier Malariaerreger, die den Menschen befallen können. Jedes Jahr sterben vor allem in Afrika immer noch rund eine Million Menschen – vor allem Kinder – an der gefährlichen Tropenkrankheit. 300 bis 500 Millionen Menschen weltweit erkranken daran. Von der Kultur im Labor geht jedoch keine Gefahr aus, versichert der Fachmann. Denn ohne Stechmückenweibchen der Gattung Anopheles, die den Erreger in das Blut des Menschen übertragen, kann der Parasit keinen Schaden anrichten.

Bereits seit vier Jahren forschen Gelhaus und sein Team in Kiel mit Plasmodien. Dabei verfolgen sie mehrere Ansätze. In einem Kooperationsprojekt mit der Universität Würzburg stehen die Proteasen im Vordergrund. »Proteasen sind Enzyme, die der Parasit benötigt, um zum Beispiel den roten Blutfarbstoff zu verwerten oder um in die Wirtszelle hineinzukommen«, erklärt der Biologe, der auch im Exzellenzcluster ›Entzündung an Grenzflächen‹ mitarbeitet. »Wir versuchen einige dieser proteinspaltenden Enzyme (Proteasen) mit einem riesigen Set von Proteasehemmstoffen zu blockieren und den Erreger damit zu töten.« Ob und wie die Substanzen wirken, lässt sich zum Beispiel unter dem Mikroskop überprüfen. Es gibt einige dieser Substanzen, die in niedrigen Konzentrationen tödlich auf den Parasiten wirken. Aber wie sie wirken, welche Moleküle blockiert werden und welcher molekulare Mechanismus gestört wird, ist meist nicht bekannt. Dies sollen weitere Forschungen ergeben. Wichtig ist, dass die Substanzen spezifisch wirken, also genau definierte Zielmoleküle blockieren. Gelhaus: »Die Schwierigkeit besteht darin, dass man nur die Proteasen des Parasiten hemmen will und nicht die des Menschen. Inzwischen kennt man einige Unterschiede in der Struktur von Proteasen des Menschen und denen des Parasiten. Diese müssen wir nutzen, um einen spezifischen Hemmstoff herzustellen.«

Es besteht kein Zweifel daran, dass neue Medikamente gegen Malaria notwendig sind. Denn die Standardtherapeutika, vor allem Chloroquin, wirken oft nicht mehr gegen die Erreger. In Afrika sind 30 bis 70 Prozent der Plasmodien gegen Chloroquin resistent. Die Substanz kann daher in weiten Teilen nicht mehr zur Behandlung und Vorbeugung (Prophylaxe) eingesetzt werden. Zwar gibt es seit einigen Jahren mit dem pflanzlichen Wirkstoff Artemisinin eine neue Therapie, die den Erreger sehr effektiv bekämpft. Die Frage ist allerdings, wie lange noch. Damit die vorhandenen Medikamente möglichst lange wirksam bleiben, das heißt, sich keine entsprechenden Resistenzen bilden, sollen bekannte Substanzen mit Artemisinin- Abkömmlingen kombiniert verwendet werden. Diese neue Therapiestrategie wird auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Die zweite Säule im Kampf gegen Malaria sind spezielle Moskitonetze, die mit einem Insektizid imprägniert sind. Diese töten die Mücken bei Berührung in wenigen Minuten und sind für Menschen ungiftig.

Dass es so schwierig ist, die gefährliche Infektionskrankheit einzudämmen, liegt zum großen Teil an dem sehr wandlungsfähigen Parasiten. Malariaerreger sind Überlebenskünstler. Sie können sich durch sexuelle und asexuelle Entwicklungsstadien vermehren und haben verschiedene Mechanismen entwickelt, den Angriffen des Immunsystems zu entgehen. Die Überlebensstrategien des Erregers sind bisher nur unvollständig erforscht.

Um Malaria wirklich ausrotten zu können, bräuchte es einen Impfstoff. Doch diesen gibt es noch nicht. Aber wenn erkrankte Patienten flächendeckend und konsequent mit wirksamen Malariamedikamenten behandelt werden sowie zusätzlich vor allem Kinder insektizidbehandelte Moskitonetze für ihre Schlafplätze bekommen, lässt sich die Seuche zurückdrängen. Erfolge im Kampf gegen Malaria werden zum Beispiel von der Insel Sansibar berichtet. Auf der zu Tansania gehörenden ostafrikanischen Insel haben Malariapatienten seit 2003 freien Zugang zur neuen Kombinationstherapie mit dem pflanzlichen Wirkstoff Artemisinin. Diese Maßnahme halbierte die Kindersterblichkeit bei unter Fünfjährigen innerhalb von nur drei Jahren. (Kerstin Nees)
Mückenschutz und Chemoprophylaxe
Die Malaria ist in über 100 Ländern der tropischen und subtropischen Zonen der Erde verbreitet. Gut zwei Milliarden Menschen leben in Gebieten, wo die Gefahr besteht, dass sie durch Mückenstiche mit Malariaerregern infiziert werden.

Ein Impfstoff gegen Malaria steht bis heute nicht zur Verfügung. Wer in Malariagebiete reisen möchte, kann sich durch Einnahme von Medikamenten und Vermeidung von Mückenstichen vor einer Infektion schützen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Malariagebiete nach Risiko und Resistenzlage in verschiedene Zonen eingeteilt. Daraus geht hervor, welche Medikamente in welchen Gebieten zur Malariaprophylaxe geeignet sind. Im Vorfeld einer Reise in tropische oder subtropische Gebiete sollte auf jeden Fall der Rat von tropenmedizinisch ausgebildeten Ärzten eingeholt werden. (ne)
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