Wem gehört Homer?
Diverse Diskussionen hat es in den Feuilletons der vergangenen Jahre und in der Fachwelt bereits über die Verortung der Stadt Troja gegeben, die Homer in seiner Ilias zum Schauplatz der Handlung macht.

Heinrich Schliemann glaubte, Troja am Hellespont gefunden zu haben. Raoul Schrott versucht nun nachzuweisen, dass das Karatepe seiner Zeit dem Dichter als Vorbild für die literarische Ausformung der Stadt des Priamos diente und Homer in der dortigen Region, Kilikien, lebte. Karte: pur.pur
unizeit: Raoul Schrott versucht in seinem Buch nachzuweisen, dass die historische Stadt Karatepe im damaligen Kilikien (heute südliche Türkei) dem Dichter Homer als Vorbild für Troja gedient hat. Was halten Sie von dem Buch?
Lutz Käppel (jeweils links) und Josef Wiesehöfer können der Verortung des homerischen Trojas in Kilikien nicht folgen. Fotos: pur.pur




Josef Wiesehöfer: Nein, man kann Homer nicht derart als historische Quelle benutzen. Die Ilias ist ein Stück Literatur, in dem natürlich das Zeitgenössische eine Rolle spielt. Aber in welcher Weise der Dichter Realität verarbeitet, das ist die große Frage, die schon seit der Homerdiskussion im ausgehenden 18. Jahrhundert ungelöst ist.
Homer wird bei Schrott zum Produkt des Kulturkontaktes zwischen Griechenland und dem Orient ...
Käppel: ... wobei Schrott die griechische Seite deutlich unterbetont. Es kommt bei ihm überhaupt nicht zur Geltung, dass der Dichter, den wir um 700 v. Chr. vermuten, eine Sprache benutzt, die eine große historische Tiefenschärfe besitzt. Es gibt unterschiedliche Meinungen, wie lange sich epische Traditionen fortgeschrieben haben. Ich halte es für möglich, dass sich über die so genannten ›dunklen Jahrhunderte‹ hinweg, also die Jahrhunderte vor Homer, in denen in Griechenland keine Schriftkultur belegt ist, hier eine Dichtungstradition – vielleicht auch schon das homerische Versmaß – in griechischer Sprache erhalten hat.
Wiesehöfer: Da bin ich eher auf Seiten der Skeptiker. Sicher spielt der Mythos an sich auf die mykenische Kultur der späten Bronzezeit (bis etwa 1200 v. Chr.) an. Dass sich jedoch über mehr als 500 Jahre nur durch mündliche Überlieferung auch literarische Ausdrucksformen erhalten haben sollen, bezweifle ich sehr.
Ich möchte doch für Schrott eine Lanze brechen: Er betont zum einen sehr richtig, wie bedeutsam die kurz zuvor von den Phönikern übernommene Schrift für die Konzeption der homerischen Epen war. Ohne die Möglichkeit, etwas schriftlich festzuhalten, hätte es diese Epen nie gegeben. Zum anderen hebt er die orientalischen Einflüsse in der Ilias hervor. Es wird zwar immer so getan, als wüssten wir darüber gut Bescheid...
Käppel: ... schließlich hat der Züricher Altphilologe Walter Burkert schon 1984 gezeigt, wie sehr das noch ältere Gilgamesch-Epos strukturbildend auf die Ilias gewirkt hat! Ich bleibe dabei: Es gibt einiges Richtige in dem Buch von Raoul Schrott, aber alles, was richtig ist, ist nicht neu, und alles, was neu ist, ist nicht richtig.
Wiesehöfer: Das stimme ich Ihnen im Grundsatz zu. Trotzdem: Es gibt viele Personen in der Forschung und auch in der Öffentlichkeit, die mit den orientalischen Traditionen so gut wie gar nicht vertraut sind – wer hat schon das Gilgamesch-Epos gelesen? Ich finde es deshalb berechtigt, ausdrücklich auf die orientalischen Einflüsse hinzuweisen, wo wir alle Homer doch vorwiegend mit griechischer Tradition verbinden.
Apropos: Wir übertragen hier immer nationale Stereotypen der Gegenwart auf vergangene Zeiten, wo doch gerade in Kleinasien und an der Levanteküste das Wechseln zwischen kulturellen Welten gang und gäbe war. Homer muss nicht griechisch sein, Homer muss nicht orientalisch sein – was heißt im Übrigen orientalisch angesichts der vielfältigen Traditionen im Orient ... Das gegeneinander auszuspielen, ist nicht angebracht.
Käppel: Nein, da haben Sie Recht. Ein intensiver Kulturkontakt zwischen der griechischen und dieser vorderorientalischen Welt wird immer wieder belegt. Das gesamte westliche Mittelmeer, Kilikien, das assyrische Reich waren kulturelle Schmelztiegel par excellence.
Wiesehöfer: Und die Menschen damals haben sich in allen Welten bedient: Die Künstler aus dem Orient haben für griechische Auftraggeber gearbeitet und umgekehrt, ohne überhaupt ein Problem damit zu haben. Manche Leute bei uns haben allerdings ein Problem damit.
Käppel: Man fragt sich in der Tat: Was kitzelt heute noch in Deutschland an diesem Thema? Europäische Identität in Abgrenzung oder in Vermittlung zu den östlichen Nachbarn? Dass es gerade der Osten ist, macht das Thema interessant, glaube ich. Eine Abgrenzung zu den Kelten würde uns vielleicht weit weniger zu schaffen machen. Wir sollten zukünftig das Ineinander dieser unterschiedlichen Einflüsse viel intensiver studieren. Dann verliert die Frage, ob Homer am Ende gar aus dem Teil der Welt kam, den wir heute als Orient bezeichnen, ganz schnell ihre Brisanz.
Das Gespräch dokumentierte Susanne Schuck
* Raoul Schrott: Homers Heimat. München 2008
Wolfgang Schadewaldt kommt es auf die Abfolge der literarischen Bilder an, er überträgt den griechischen Hexameter (epischer Vers mit sechs Hebungen) in rhythmisierte Prosa. Dagegen wird als respektable Möglichkeit, das Versmaß wiederzugeben, Roland Hampes Übersetzung (bei Reclam) empfohlen. Den »klassischen Homer in der romantischen Tradition« (Käppel) findet man in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß, die im Jahr 1793 in Eutin entstand. Wer sich mit dem orientalischen Vorgängerepos beschäftigen möchte, kann sich "Das Gilgamesch-Epos" besorgen, übersetzt von Stefan M. Maul, Beck-Verlag 2005. Raoul Schrott hat selber das Gilgamesch-Epos 2001 nachgedichtet und anhand des Originaltextes und der vorliegenden Übersetzungen ein eigenes Werk geschaffen, das bewusst frei mit dem Ursprungstext umgeht. In Vorbereitung ist die Nachdichtung der Ilias, die in Auszügen bereits im Hessischen Rundfunk zu hören war, und im Herbst als Buch erscheinen soll. (sck)
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