Der pure Hellenismus
Städte sind der Inbegriff des Wandels. Und waren es schon immer. Kieler Archäologen wollen das in der Türkei nachvollziehen.

So wird das Kieler Grabungsteam unter Leitung von Professor Frank Rumscheid auch im kommenden Sommer in Priene arbeiten: Die Zerstörungsschicht des neuentdeckten Hauses wird weiter freigelegt. Dabei kennzeichnen die Wissenschaftler mit Nummern und Buchstaben die Fundstücke, um sie nach der Bergung, Reinigung und Restaurierung ihrem jeweiligen Fundort zuordnen zu können.
Foto: Foto: Priene-Grabung
Eine bittere Lehre für die Betroffenen, die es tunlichst unterließen, unterhalb der Felsen wieder neu zu bauen. Und gerade deshalb ein Segen für die heutigen Archäologen, die ein über mehr als 2.000 Jahre hinweg praktisch unberührtes Grabungsgebiet vorfinden. Hellenismus pur sozusagen.
Eingebettet ist die jetzt geplante Grabung in das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Schwerpunktprogramm "Die hellenistische Polis als Lebensform. Urbane Strukturen und bürgerliche Identität zwischen Tradition und Wandel". Neben etlichen anderen Hochschulen ist an diesem Programm auch die Klassische Archäologie der Universität Kiel beteiligt. Die Norddeutschen kümmern sich gemeinsam mit der Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität München in einem Teilprojekt um "Interdependenzen urbanistischer Veränderung im hellenistischen Priene".
Das klingt etwas sperrig, bedeutet aber in der Praxis nichts anderes als die Suche nach Antworten auf die Frage, wie sich die Gesellschaft und ihr städtisches Umfeld in gegenseitiger Abhängigkeit in der Hellenismus genannten Epoche zwischen 323 und 30 vor Christus veränderten. Während das Frankfurter Team diesen Veränderungen im religiösen Bereich auf die Spur kommen möchte, haben sich die Kieler die Privatsphäre der Bewohner von Priene vorgenommen.
Anknüpfen können die Kieler dabei an von Berliner Archäologen bereits vor mehr als 100 Jahren vorgenommene Grabungen in diesem auch als Pompeji Kleinasiens bezeichneten Revier. Die damaligen Ergebnisse dürfen jedoch aufgrund der rasanten Weiterentwicklung von Technik und Methodik aus heutiger Sicht nicht als der Wissenschaft letzter Schluss gelten. Außerdem steht fest, dass damals mindestens ein Haus nicht entdeckt wurde, das bisher erst zu etwa einem Drittel freigelegt ist.
Dieses Gebäude komplett zu erforschen und zugleich Nachuntersuchungen an den Berliner Ausgrabungen vorzunehmen, ist das Ziel des Kieler Grabungsteams, das sich im September und Oktober insgesamt sechs Wochen in der Türkei aufhalten wird. Mit dabei sind neben Grabungsleiter Frank Rumscheid zwei weitere Archäologen, eine Fotografin, eine Stipendiatin der Kieler Graduiertenschule "Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften", sieben Studierende sowie zwei Studentinnen der Bauforschung von der Fachhochschule Wiesbaden und ein Student des Fachs Restaurierung aus Berlin.
Unter dem Aspekt der städtebaulichen Veränderungen im Laufe der knapp 300 Jahre ist Priene insofern aufschlussreich, als alle Häuser ursprünglich auf exakt gleich großen Parzellen gebaut wurden. Weil aber schon damals die Moden wechselten und die Gesellschaft ihre Gewinner und Verlierer produzierte, ergaben sich im Lauf der Zeit deutlich vielfältigere Wohnformen: Die einen mussten mit bescheidenen Behausungen vorlieb nehmen, die anderen residierten in schicken 500-Quadratmeter-Häusern.
Noch liegt allerdings so manches im Ungewissen, was die zwischen Zeitgeist und wirtschaftlichen Prozessen angesiedelten urbanistischen Veränderungen anbelangt. Professor Rumscheid, der schon im Jahr 1991 zum ersten Mal an Forschungen in Priene teilnahm, rechnet nicht damit, dass die Expedition im kommenden Herbst alle Fragen beantworten wird. Schließlich ist das Kieler Projekt zunächst für zwei Jahre bewilligt und soll danach noch einmal zwei weitere Jahre betrieben werden.
Martin Geist
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