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unizeit Nr. 49 vom 19.07.2008, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Wir sind dann mal weg!

Wenn Menschen aus armen Ländern auswandern, wirkt sich das für die Herkunftsländer unterm Strich eher negativ aus. Aber es gibt auch positive Effekte.


Foto: Picture Alliance

Computerspezialisten aus Indien, Krankenschwestern von den Philippinen oder Ärzte aus Ghana – nicht nur ungelernte Hilfskräfte zieht es ins reichere Ausland, auch viele gut ausgebildete Fachkräfte wandern aus armen Ländern aus, um zum Beispiel in Europa zu arbeiten. Der »Brain Drain«, das Abwandern besonders ausgebildeter und talentierter Menschen, trifft die Herkunftsländer mitunter hart. Ein extremes Beispiel ist die osteuropäische Republik Moldau (Moldawien). »Etwa ein Viertel der Arbeitsbevölkerung lebt nicht mehr in Moldau, sondern ist nach Russland ausgewandert«, sagt der Kieler Volkswirt Professor Rolf J. Langhammer.

Was die Zuwanderung von Arbeitsmigranten für die Industriestaaten bedeutet, wird hierzulande ausführlich diskutiert. Den Vizepräsidenten des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) interessiert die andere Seite. Er analysiert die Folgen der Auswanderung für die Herkunftsländer. Diese sind durchaus vielschichtig. Einerseits verlieren die armen Länder gelernte Fachkräfte, die auch im eigenen Land arbeiten und Steuern zahlen könnten. Drastisch ist etwa der Verlust von medizinischen Fachkräften in Ghana. Untersuchungen zufolge wandern drei Viertel der ghanaischen Ärzte innerhalb von zehn Jahren nach ihrer Ausbildung aus. Andererseits geht der Traum von der Auswanderung nicht immer in Erfüllung. »Potenzielle Auswanderer investieren in ihre Bildung, um auswanderungsreif zu werden. Aber nicht alle können dann tatsächlich auswandern. Ihre Ausbildung kommt dann doch dem Heimatland zugute«, so Langhammer. Und von denen, die ihr Glück im Ausland gefunden haben, fließt reichlich Geld in die Heimat zurück. Die Rücküberweisungen der Auswanderer in ihre Heimatländer werden insgesamt auf über 150 Milliarden US-Dollar geschätzt. Ohne sie würden Länder wie zum Beispiel Moldawien oder die Philippinen gravierende Zahlungsbilanzprobleme bekommen. Sie sind für viele Entwicklungsländer die wichtigste Einnahmequelle überhaupt, und sie übersteigen die Höhe der offiziellen Entwicklungshilfe um das Zweifache. Aktuelle Studien zeigen, so Langhammer, dass die Rücküberweisungen auch im Vergleich zu anderen privaten Kapitalströmen wie etwa Direktinvestitionen immer wichtiger werden.

»Letztendlich kommen die meisten Studien aber zu dem Ergebnis, dass der Verlust für die Länder doch noch größer ist als der Gewinn. Besonders gravierend ist das für sehr arme Länder, wenn qualifizierte Arbeitskräfte auswandern.« Das ließe sich durch eine aktive Einwanderungspolitik der Empfängerländer mit klaren ökonomischen Kriterien ändern. Sinnvoll wäre etwa ein Punktesystem nach dem Vorbild Australiens. Einwanderungswillige werden hierbei nach bestimmten Kriterien (berufliche Qualifikation, Sprachkenntnisse) bewertet. Die Punkte, die sie erhalten, richten sich nach dem Bedarf auf dem Arbeitsmarkt. Migranten sollten außerdem die Chance erhalten, kurzfristig mehrfach ein- und rückwandern zu können. Diese Maßnahmen schaffen Planungssicherheit und geben Migrationswilligen mehr Anreize in die eigene Qualifikation zu investieren.

Die Herkunftsländer selbst sollten Wanderungen nicht als Gelegenheit sehen, Bürger loszuwerden, empfiehlt der Kieler Experte für internationale Arbeitsteilung, sondern als Chance, ihre Volkswirtschaften über Güterhandel, Kapitalverkehr und Wissenstransfer an die Weltwirtschaft anzukoppeln. Das Beispiel vieler erfolgreicher Auslandschinesen mit ihren Bindungen an das Heimatland spreche für sich.

Kerstin Nees
Globale Migration
»Die Süd-Nord-Migration, die uns betrifft, hat im Vergleich zur früher dominanten Süd-Süd-Migration, zum Beispiel von Indien in den Nahen Osten, stark zugenommen«, so Professor Rolf J. Langhammer. Dieser Trend werde sich auch in Zukunft weiter fortsetzen. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen befanden sich 1980 etwa 48 Millionen Migranten in Industrieländern (das waren etwa 48 Prozent aller Migranten weltweit). Im Jahr 2000 waren es bereits 110 Millionen (63 Prozent aller Migranten). Absolut gesehen verloren vor allem Mexiko, China, Indien, Iran, Pakistan und Indonesien zwischen 2000 und 2005 etwa 11 Millionen Arbeitskräfte. Deutschland stand im Jahre 2000 mit einem Bestand von 7,3 Millionen Migranten nach den USA und Russland an dritter Stelle der Einwanderrungsländer. Zum Vergleich: 1960 lebten in Deutschland nur 1,7 Millionen Migranten. (ne)
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