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unizeit Nr. 49 vom 19.07.2008, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

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Krankenhäuser sind keine beliebten Orte. Doch dort, wo sich oft Ungewissheit und Unbehagen in endlosen Linoleumfluren ausbreiten, gibt es Menschen, die ganz freiwillig dort sind – um zu helfen.


In Kieler Kliniken engagieren sich 70 "Grüne Damen" (und zwei Herren). Während die Klinikseelsorger hauptsächlich das Gespräch mit den Patienten suchen, unternehmen die Grünen Damen darüber hinaus auch Spazier­gänge mit den Patienten, lesen ihnen vor oder erledigen kleine Besorgungen. Weitere Helfer sind willkommen.
Kontakt: Gisela Arp (Tel 0431/241458)

Der Morgen beginnt mit Kaffee und Tee. Die Sonne scheint durch die Dachfenster an die weißen Wände. Fünf Frauen sitzen auf Stühlen, reichen eine Pralinenschachtel herum und unterhalten sich über ihre Arbeit – sie sind die ehrenamtlichen Seel­sorgerinnen am Universitätsklinikum in Kiel. Alle zwei Wochen treffen sie sich und tauschen sich aus. Ihre Supervisorin, Pastorin Renate Ebeling, sitzt zwischen ihnen und hört zu. Sie hat die Ehrenamtlichen geschult und begleitet sie bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe. »Krankheit wird nicht selten als eine Krise erlebt, die von mancherlei Gedanken und intensiven Gefühlen, besonders Ängsten, bestimmt ist. Als Seelsorger damit umzugehen erfordert viel Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, von den eigenen Bedürfnissen abzusehen«, weiß Ebeling, die eine der vier hauptamtlichen Klinikseelsorger am Universitäts­klinikum ist.

In der Ausbildung zum Seelsorger steht deshalb Selbsterfahrung oben auf dem Programm. Ebenso Psychologie, Gesprächsführung, Ethik, Umgang mit Sterben und Tod und ein Grundverständnis verschiedener Krankheitsbilder werden den ehrenamtlichen Helfern in 20 Unterrichtseinheiten vermittelt.

Der Ursprung der Seelsorge liegt weit zurück. Jahrhundertelang widmeten sich in Europa Christen der Krankenpflege in Hospitälern. Da galt die Sorge nicht nur dem Körper, sondern auch der Seele. Man pflegte ganzheitlich. Heute ist es so: Die meisten Krankenhäuser sind in staatlicher Hand. Da gibt es auch Seelsorge. Sie gehört zum therapeutischen Angebot. Wenn die Patienten in einem Gespräch mit einem Seelsorger nicht von sich aus Glaubensfragen ansprechen, so werden sie nicht eingebracht, wenngleich für jeden Seelsorger eine christliche Einstellung selbstverständlich ist.

»Wenn ich in ein Zimmer gehe, bin ich jedesmal wieder ein bisschen aufgeregt«, beschreibt Sabine* ihre Erfahrungen. Sie engagiert sich seit drei Jahren als Seelsorgerin und kommt einen Vormittag in der Woche in die Hautklinik, um dort Patienten und ihren Angehören in schwierigen Zeiten zur Seite zu stehen, zuzuhören oder einfach Gesellschaft zu leisten. »Man weiß ja eigentlich nie, welches Schicksal hinter der nächsten Tür auf einen wartet. Manchmal gehen die Gespräche ganz tief, ein anderes Mal redet man einfach nur über das Wetter und vermittelt so ein bisschen Normalität. Gelegentlich erfahren wir auch Ablehnung, dass jemand nicht reden und allein sein möchte. Das akzeptieren wir natürlich.«

Im Allgemeinen bringen Patienten den Seelsorgerinnen, die der Schweigepflicht unterliegen, viel Vertrauen entgegen. Das gilt auch für das Pflegepersonal und die Ärzte. Jede von ihnen hat ihre feste Station, das Personal dort weiß also genau, wer kommt. »Oft wenden sich die Schwestern oder Pfleger dann schon mit einem Hinweis an sie, dass jemand zum Beispiel einsam ist, besonders belastet oder ängstlich, oder gerade seine Diagnose bekommen hat. Dafür sind wir natürlich immer dankbar«, sagt Ebeling.

Mehrere Begegnungen über Wochen oder gar Monate hinweg sind angesichts der kurzen Verweildauer auf den meisten Stationen eher die Ausnahme. »Das ist manchmal wirklich schade, wenn man einem Menschen im Gespräch besonders nahekommt, dann würde ich mir schon mal die Fortsetzung eines Gespräches wünschen«, sagt Gaby, und ihre Kolleginnen nicken. Die 67-jährige Altenpflegerin ist seit drei Jahren in der Inneren Medizin als Seelsorgerin unterwegs. »Nach meiner Pensionierung hatte ich endlich mal die Zeit für die Menschen, die mir vorher, mit dem beruflichen Druck, oft gefehlt hat. Und andersherum ist es schön, das Gefühl zu bekommen, dass man gebraucht wird.« Wieder nicken die Frauen in der Runde zustimmend.

Die meisten der ehrenamtlichen Seelsorger kommen aus einem Lehr-, Sozial- oder Pflegeberuf. Eine Studie des Instituts für Arbeits- und Organisationspsychologie der TU Dresden bestätigt, dass Menschen, die sich im Alter ehrenamtlich engagieren, bereits früher in ihrem Leben Erfahrungen in sozialen Bereichen gemacht haben. Offenbar wächst man also in ehrenamtliche Arbeit hinein.

Renate Ebeling: »Wir haben immer Bedarf an Helfern, Menschen mit Lebenserfahrung, innerer Stabilität und der Bereitschaft, sich festzulegen.« Denn besonders wichtig für das Engagement im Krankenhaus ist eine gewisse Regelmäßigkeit: Einmal in der Woche sollte ein fester Vor- oder Nachmittag zur Verfügung stehen, um die "eigene" Station zu besuchen. »Es ist nicht so, dass ich nicht manchmal private Termine verschieben muss oder auch mal keine Lust habe. Aber wenn man einmal dabei ist, dann merkt man ziemlich schnell, wie gut die Arbeit im Krankenhaus auch einem selbst tut. Erstens bleibe ich mit meinen eigenen Problemen auf dem Teppich, zweitens macht es mir das Älterwerden leichter, weil ich mich mit vielen Dingen, die andere verdrängen, zwangsläufig auseinandersetze«, sagt Gaby zu ihrem unvergüteten festen Nebenjob und blickt in die Runde. Auch diesmal sind die Frauen sich einig – sie arbeiten zwar nicht für Geld, aber ganz sicher auch nicht umsonst.

Julia Zahlten

* Namen von der Redaktion geändert
Evangelische Klinikseelsorge: Tel 0431/363193
Deutschland ist Weltmeister!
In keinem anderen Land der Welt engagieren sich so viele Menschen freiwillig und unbezahlt für ihre Mitmenschen wie in Deutschland. 23 Millionen Freiwillige übernehmen mit ihrer Arbeit Aufgaben, für die der Staat keine Kapazitäten hat. Forscher der Universität Stuttgart-Hohenheim haben herausgefunden, dass Ehrenamtliche und Freiwillige in Deutschland pro Jahr rund fünf Milliarden Arbeitsstunden dem Gemeinwohl widmen. Das sind fast zehn Prozent mehr, als im gesamten bezahlten öffentlichen Dienst geleistet werden. (jz)
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