| unizeit Nr. 50 vom 25.10.2008, Seite 1 |
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Lirum, larum, lerne viel
Kochen ist angesagt. Dabei kann man in der Küche noch viel mehr anfangen, als nur den Rührstab zu schwingen. Naturwissenschaftliche Phänomene erklären, beispielsweise.

Die Studentinnen Astrid und Katharina lernen, wie man den Chemieunterricht für seine Schüler in Szene setzt: mit effektvollen Speisen und Getränken. Foto: pur.pur
Was haben Naturwissenschaftler in der Küche, in der Domäne des Alltagsmenschen zu suchen? Der Anblick der Rührbecher im Labor des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften weckt ungute Erinnerungen an den Schulunterricht. Aber die übrigen Utensilien wie Zucker oder Mehl wirken so täuschend harmlos und beruhigend, dass die Journalistin schon bald begeistert mit Hefe und Gabel im Becherglas hantiert. Sie erfährt dank Physiker Dr. Stefan Petersen und Chemikerin Dr. Daniela Efler-Mikat nicht nur, wie man Verteilungsprobleme bei Obststücken im Kuchen löst.
Sie stellt auch fest, dass Eier in Salzwasser oben schwimmen, alte Eier Selbiges auch im Leitungswasser tun, wohingegen frische Eier darin zu Boden sinken. Auch wenn der Kopf anfangs schwirrt: Wäre der Unterricht früher so verlaufen, hätte man dann vielleicht eine naturwissenschaftliche Karriere angestrebt? Dass die Küche nicht nur der beste Platz für Promi-Fernsehköche wie Lafer, Lichter, Linster, sondern gerade auch für Naturwissenschaftler aller Disziplinen ist, zeigen Efler-Mikat und Petersen in ihrem interdisziplinären Seminar "Kochen, Braten, Backen – eine naturwissenschaftliche Entdeckungsreise durch die Küche" für angehende Gymnasial- und Realschullehrer. Wer die Welt erklären wolle, könne eben nicht eine der Naturwissenschaften ausschließen, sagen sie. So werden die Studenten ganz nebenher auf die Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Disziplinen vorbereitet, so wie es in Schulen im fächerverbindenden Unterricht gefordert wird.

Das Auge isst mit: Ein wenig Trockeneis (festes Kohlenstoffdioxid) hilft bei der Inszenierung des molekularen Kochprodukts.
Nicht nur der interdisziplinäre Gedanke trifft den Zeitgeist: Naturwissenschaftler sind längst der Kochmagie in die Quere gekommen – mit der schlichten Frage: Was geschieht eigentlich, wenn wir kochen, backen, braten? Der Physikochemiker Hervé This prägte gar den Begriff "Molekülküche". Die Naturwissenschaft des verfeinerten Geschmacks auf die Spitze getrieben: Kochen mit flüssigem Stickstoff bei Minusgraden, Drinks am Spieß. Das Labor zurück in die Küche geholt hat der spanische Koch Ferran Adria. Seine Gäste zahlen viel Geld, um dabei zu sein, wenn Wodka in der Gelierkugel entsteht. Im Gegensatz zu den Köchen haben die Naturwissenschaftler immer noch ein Imageproblem. Wer sieht nicht den weltfremden Forscher einsam im Labor vor sich? Vielleicht auch deswegen, weil lange versäumt wurde, den Schülern zu zeigen, dass der Fachunterricht etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Dabei müsse man ihn in der Lebenswirklichkeit der Schüler verankern, um zu begeistern, erklärt Petersen. Und was könnte wirklicher sein als Kochen und Essen?

Der Eier-Trick lässt sich in jeden Unterricht einbauen, meinen Dr. Daniela Efler-Mikat und Dr. Stefan Petersen. Foto: jes
Bei Grundschülern sei das Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen noch groß, erzählt Efler-Mikat. Unter den älteren Schülern sagt allerdings sogar fast die Hälfte der naturwissenschaftlich hochkompetenten, dass die Naturwissenschaften sie relativ wenig interessieren – zeigte die Pisa-Studie 2006. Der Nachwuchsmangel brachte viele zur Besinnung: Kokettierten früher selbst Politiker gerne mit ihrer Unfähigkeit zur Mathematik, als wäre dieser Mangel allein schon Erkennungsmerkmal des denkenden Menschen, wird heute die Vermittlung der Naturwissenschaften gefördert, werden das »Einstein-Jahr« oder das »Jahr der Mathematik« ausgerufen. Und Schüler erfahren, dass naturwissenschaftliche Forschung in Wahrheit im Team stattfindet und die Lebenswirklichkeit des Menschen entscheidend beeinflusst. »Wer will beispielsweise eine ethische Entscheidung zum Thema Stammzellen treffen, wenn er nicht weiß, was eine Stammzelle ist?«, so Efler-Mikat. Aber man kann ja auch kleiner anfangen: in der Küche. Denn »auch bei den Naturwissenschaften kann die Liebe durch den Magen gehen«, sagt Efler-Mikat.
Jana E. SeidelDie Molekülküche
1992 fand in Sizilien das erste internationale Arbeitstreffen über molekulare und physikalische Gastronomie statt. Ziel war, biochemische und physikalischchemische Prozesse beim Kochen zu untersuchen. Mit Hilfe der dabei gewonnen Erkenntnisse sollten neue Rezepte kreiert und weitere Zubereitungsmöglichkeiten entdeckt werden. Aus dem wissenschaftlichen Ansatz hat sich ein ganz neuer Stil der "Haute Cuisine" entwickelt. Teilweise mit Hilfe von Geräten aus dem Laborbedarf mischen sich Aromen, Temperaturen und Texturen auf ungewohnte Weise – so werden die Gerichte zu einer Kunstform, einer "Schule der Wahrnehmung". (jes)
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