Fotokopieren
Eine neue Serie erkundet das Handwerk der Wissenschaft. Professor Steffen Martus erklärt sein Konzept.

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Was kapiert man, wenn man kopiert? Am Kopiergerät unterscheiden sich Praktiken der Forschung. Es gibt den risikofreudigen und selbstbewussten Kopierenden, der nur sehr wenig, vielleicht sogar überhaupt nichts für kopierenswert hält. Es gibt den Vielkopierer, der das potenzielle Forschungsfeld möglichst wenig vorsortieren will. Und es gibt den regelrechten Kopierfeind, der die Kopie per se für etwas Minderwertiges hält, der dem Wissen in Buchform noch immer mehr zutraut und der seine mentale Landkarte nach dem Vorbild der Bibliothek, nicht der Aktenverwaltung organisiert.
Kopieren kostet zudem Geld und Zeit. Daher kopieren Wissenschaftler in der Regel nicht nach Zufallsprinzipien oder ohne Grenzen, sondern vervielfältigen, was für eine bestimmte Fragestellung möglicherweise wichtig bleiben wird. Vor allem aber kopieren sie, was wichtig werden könnte: den unbekannten Aufsatz. Am Kopiergerät müssen wir uns auf Indizien verlassen. Auf einen viel versprechenden Titel, auf den Namen eines etablierten Autors oder eines kreativen Newcomers, auf das Qualitätsversprechen eines seriösen Journals oder auf die Innovationsversicherung des neuen Sammelbandes. Stets schließt der Kopierende eine Wette auf die Zukunft des Forschungsprozesses ab, und die Spielregeln dieses Glücksspiels muß man lernen. Kopieren gehört zu den hoch anspruchsvollen Praktiken des Umgangs mit Nicht-Wissen, der Vermutung und Hoffnung – und oft genug der Enttäuschung.
Kopieren ist aber nicht nur eine Wette auf die Zukunft, sondern organisiert auch das Erinnern und Vergessen. Manche bewahren Kopien ein Leben lang auf. Anderen bereitet es die größte Freude, nach Abschluss eines Forschungsprojekts alle Materialien in den Müll zu werfen. In beiden Fällen dienen Kopien dazu, fremde Beiträge den eigenen Arbeitsprozessen einzupassen. Man kann Kopien nutzen, um langfristig mit Texten zu arbeiten – oder genau im Gegenteil: um möglichst viele Materialien möglichst schnell zu überfliegen. Man kann einseitig oder beidseitig kopieren. Man kann vergrößern oder verkleinern, die Abzüge mit oder ohne Rand herstellen. Entsprechend bieten Kopien mehr oder weniger Platz für eigene Kommentare und Notizen.
Kopien machen es uns leichter, Falsches anzustreichen, Unwichtiges durchzustreichen und Merkwürdiges zu unterstreichen. Und natürlich kann man Kopien auch viel besser zerknüllen und zerreißen. Kopieren will also gelernt sein. Am besten fangen Sie gleich mit diesem Artikel an.
Steffen Martus
Steffen Martus ist Professor für Neuere Deutsche Literatur
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
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