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unizeit Nr. 50 vom 25.10.2008, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Im Fadenkreuz

Immer wieder sonntags sitzen bis zu zehn Millionen Deutsche vor ihren Fernsehern. Es ist Tatort-Zeit. Können Indizien ermittelt werden, die diesen Erfolgsfall klären?


Ob Kiel, Duisburg oder München: Die Liste der Tatort-Städte ist lang. Und jede hat ihre eigene Identität. Foto: pur.pur

Die Krimireihe "Tatort" ist die erfolgreichste und langlebigste in Deutschland. Grund genug, ihr in der aktuellen Ringvorlesung des Instituts für Neuere Deutsche Literatur und Medien "Krimis der Weltliteratur" einen Platz zu verschaffen – wenngleich das Endprodukt hier nicht auf Papier, sondern auf den Bildschirm gebannt ist. Den Gastvortrag "Die Republik im Fadenkreuz" wird am Dienstag, 9. Dezember, die Literaturwissenschaftlerin und Professorin Claudia Stockinger aus Göttingen halten.

Über 70 Kommissare verliehen über 700 Folgen ihr Profil. Die Themen veränderten sich, wurden immer wieder der jeweiligen Region und der politischen Lage in Deutschland angepasst. Auch mit verschiedenen Formaten wird experimentiert: Seit Januar gibt es in den Hörfunksendern der ARD die Reihe "Radio Tatort". »Die Fernsehreihe hat viele Alleinstellungsmerkmale, die sie von anderen Serien unterscheidet«, sagt Stockinger. Einmalig sei auf jeden Fall die Regionalisierung durch die einzelnen, ganz unterschiedlich konzipierten "Tatort"-Serien: Während die Münsteraner bei ihrer Arbeit rund um den Prinzipalmarkt eine Komödie inszenieren, ist man an der Kieler Förde mit Dauerblick auf die Werft düsterer Stimmung. Wohingegen ganz in der Nähe, in Hamburg, bis vor einiger Zeit noch zwei Kommissare während der nächtlichen Überwachung in den Straßen St. Paulis inbrünstig "Somewhere over the Rainbow" schmetterten.

»Die föderale Struktur des "Tatort" ist der föderalen Struktur der ARD verpflichtet. 1970 waren es neun Sendeanstalten. In der Konkurrenzsituation zur erfolgreichen ZDF-Serie "Der Kommissar" hat der Gemeinschaftssender aus der Not – also seiner Struktur – eine Tugend gemacht. Und das erfolgreich«, so Stockinger. Vielleicht ist es aber ganz gut, dass das vermeintlich Typische der jeweiligen Region teilweise erst im Studio oder sogar in anderen Städten konstruiert wird. Zu nahe darf man den Einheimischen nämlich auch nicht kommen. Warum sonst wurde Bienzle von niemandem so abgelehnt wie von den Stuttgartern selbst? Zu viele Spätzle, zu viel schwäbischer Geiz – so wollte man nicht gesehen werden.

"Unser" Kommissar Borowski (Axel Milberg) hingegen scheint die richtige Mischung aus Klischee und Originalität hinzubekommen. Die Literaturwissenschaftlerin lobt die Komplexität seiner Figur. Er ist der stoische, bisweilen sarkastische Beamte, aber gleichzeitig zu spontanen Gefühlsausbrüchen und zarten Stimmungen fähig. »Ich habe den Eindruck, dass eine Reihe dann funktioniert, wenn der Kommissar schon in der ersten Folge mit einem ganz besonderen Gespür für die Figur eingeführt wird. Wenn der Kommissar Profil zeigt, ist der Plot nicht so wichtig.« Profil habe Borowski, nur eines dürfe er nie tun: »mit Frau Jung ins Bett gehen«, bittet Stockinger. Von dem mal mehr, mal weniger subtilen Dauerflirt der beiden lebt diese Serie.

Wichtiger als die Qualität der Handlung scheint also die ausgefeilte Figurenpsychologie zu sein – ebenso die zeitnahe Unterbringung aktueller Nachrichten, die die Republik bewegen. Und das macht den Charme der ARD-Reihe aus, in der sich Millionen von Zuschauern wiederfinden: ein bisschen Aufklärung, ein bisschen die heimelige Vertrautheit des so ähnlich schon tausendmal Gesehenen und dann doch wieder der Bruch mit gängigen Mustern. »Wie in der Folge "Borowski in der Unterwelt", die mit allen Stereotypen bricht und eigentlich keine konventionelle Krimihandlung aufweist, sondern über den sorgfältig gezeichneten Charakter des Kommissars funktioniert.«

Jana E. Seidel
Ringvorlesung "Krimis der Weltliteratur",
dienstags 18:15 Uhr, Olshausenstraße 75, Hörsaal 3
www.literaturwissenschaft-online.de
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