Forensische Fabeln
Rechtsmediziner lösen in TV-Serien schwierigste Fälle. Dr. Thorsten Schwark vom Kieler Institut für Rechtsmedizin schmunzelt darüber, weil viele Filme Meilen an der Realität vorbeigehen.

Näher am Original als viele Serienkollegen: Professor Karl-Friedrich Boerne alias Jan Josef Liefers (l.) obduziert für den »Tatort« aus Münster. Die nächste Folge »Wolfsstunde« wird am 9. November ausgestrahlt.
Foto: WDR / Thomas Kost
Schwark: Mein Lieblingsrechtsmediziner ist Karl Friedrich Börne aus dem Münsteraner »Tatort«. Das ist eine der wenigen Serien, in denen die Rechtsmedizin korrekt als solche bezeichnet wird. Häufig wird man ja mit Pathologen in einen Topf geworfen.
Was unterscheidet Ihren Alltag von dem eines Karl Friedrich Börne?
Wir sitzen viel mehr im Institut und schreiben Gutachten. Herr Börne ist ja immer detektivisch mit dem Kommissar auf Achse und fährt mit seinem Porsche durch die Gegend. Wir ermitteln nicht, sondern wir machen unsere naturwissenschaftliche Arbeit eher im Hintergrund. Das Obduktionsgeschäft ist auch nicht immer so aufregend, wie es der »Tatort« zeigt. Wir machen im Jahr ungefähr 330 gerichtliche Obduktionen im Institut mit sechs Ärzten, das ist sehr viel Routine. Nur 15 bis 20 davon sind Tötungsdelikte.
Wir sind auch keine Eier legenden Wollmilchsäue. Börne kann immer gleich alles: Er macht eine toxikologische Untersuchung und schaut nebenbei, wie das genetisch aussieht. Das ist an rechtsmedizinischen Instituten wie unserem anders gegliedert: Toxikologie machen Pharmazeuten oder Chemiker. DNA-Analytik machen Biologen.
Wie realistisch ist es, wenn ein Leinwandheld die Todeszeit eines Menschen noch am Tatort auf die Minute genau bestimmt?
Gar nicht realistisch. Wir sagen unseren Studenten immer: Wenn der Rechtsmediziner die Zeit so genau bestimmen kann, muss er daneben gestanden haben. Wir können den Todeszeitpunkt im Stundenbereich eingrenzen, nicht im Minutenbereich. Außerdem ist der Untersuchungsgang sehr kompliziert. Es reicht nicht, wenn wir am Tatort einmal hin schauen. Die Todeszeit bestimmen wir auch immer in Abhängigkeit vom Körpergewicht, und das stellen wir erst im Institut fest.

Thorsten Schwark. Foto: pur.pur
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Wir grenzen einerseits die sicheren Todeszeichen wie Leichenstarre oder Totenflecken ein. Sie haben einen gewissen zeitlichen Ablauf, wann sie eintreten, wie sie sich ausprägen, wann sie voll ausgeprägt sind.
Andererseits gibt es die etwas feinere Diagnostik: Wir messen die Körperkerntemperatur im Vergleich zur Umgebungstemperatur. Hierfür gibt es so genannte Nomogramme, also Kurvendiagramme, auf denen man die wahrscheinliche Todeszeit oder Liegezeit ablesen kann, aber immer mit statistischen Abweichungen.
Dann haben wir noch ein paar andere Tricks: Die elektrische Erregbarkeit der Muskulatur im Gesicht testen wir mit einem Stromstoß. Die Muskulatur kann man die ersten acht Stunden nach dem Tode noch reizen. Wenn man mit einem stumpfen Gegenstand auf den Oberarm klopft, gibt es bis sechs Stunden nach dem Tod eine Wulstbildung.
Wie läuft eine Obduktion im Sektionssaal ab?
Anders als in den meisten Filmen: Bei einer Obduktion müssen zwei Ärzte anwesend sein, das ist in der Strafprozessordnung so vorgesehen. Wir sind also keine einsamen Wölfe, erst recht nicht im Sektionssaal. Da kann es mit acht bis zehn Leuten schon mal voll werden.
Mitarbeiter der Spurensicherung der Polizei sichern hier noch mal Spuren: Fingernägel werden beschnitten, Abriebe angefertigt, wenn beispielsweise mit bloßer Hand Gewalt angewandt wurde. Dann beginnen wir Rechtsmediziner in Anwesenheit des Staatsanwaltes, der Spurensicherung und der Mordkommission mit der Leichenöffnung. Während dessen wird dokumentiert: Wir diktieren unsere Befunde, und die Polizei und auch wir fertigen von allen Auffälligkeiten Fotos, die später im Prozess am Richtertisch vorgelegt werden.
All das kann eine Obduktion hinauszögern. Je nachdem, ob es nur ein Schuss war oder 66 Messerstiche, dementsprechend lange dauert sie. Meine längste dauerte neun Stunden.
Die Rechtsmedizin hat offenbar für viele eine starke Anziehungskraft. Stehen Sie gern im Mittelpunkt?
Ja. (lacht) Es ist schön, interessant zu sein. Für diesen Beruf braucht man eine gewisse narzistische Persönlichkeitsstruktur, um überhaupt bestehen zu können. Wir stehen häufig vor Gericht in einem Spannungsfeld. Da muss man seine Meinung vertreten, da muss man das Gericht überzeugen, dass die Befunde richtig sind.
Nimmt Sie dieser Beruf emotional mit?
Das kommt darauf an. Es gibt immer Fälle, die mich wirklich mitnehmen, Schicksale, die fürchterlich sind. Ende letzten Jahres beispielsweise die Tötung von fünf Kindern in Darry. Das belastet sehr stark, gerade wenn man eigene Kinder hat. Wir haben im Institut mittlerweile eine Supervision durch einen Psychologen, der solche Fälle mit uns aufarbeitet.
Ein Mitgefühl mit jedem Verstorbenen, den man obduziert, kann man sich aber nicht erlauben. Obduktionen sind die tägliche Arbeit, mit der man umzugehen hat. Man muss im Wesentlichen den professionellen Abstand wahren, das geht anderen Ärzten aber auch so.
Das Interview führte Sandra Ogriseck
Der Rechtsmediziner dagegen ist Gutachter auf richterliche Anordnung. Er obduziert, um die Todesursache bei einem nicht natürlichen Tod zu klären. Er arbeitet an einem rechtsmedizinischen Institut, in dem auch genetische und toxikologische Analysen durchgeführt werden, jedoch in der Regel von anderen Spezialisten – Biologen und Pharmazeuten. Diese drei Bereiche deckt das Institut für Rechtsmedizin in Kiel ab, eine von 30 universitären Einrichtungen dieser Art in Deutschland.
Der geläufige Irrtum erklärt sich aus einer Fehlübersetzung: Im amerikanischen Sprachgebrauch entspricht der Rechtsmediziner dem "forensic pathologist". In Deutschland dagegen ist die forensische Pathologie nur ein Teil der Rechtsmedizin, einer eigenen fünfjährigen Facharztausbildung.
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