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Nr. 50, 25.10.2008  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Die Wirtschaft braucht Kohle

An modernen Kohlekraftwerken führt zurzeit kein Weg vorbei. Davon ist der Kieler Volkswirt Professor Till Requate überzeugt. Im unizeit-Interview erklärt der Umwelt- und Ressourcenökonom, warum.


unizeit: Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 40 Prozent weniger Kohlendioxid (CO2) auszustoßen. Gleichzeitig entstehen hierzulande neue Kohle­kraftwerke, die einer der Hauptverursacher des Treibhausgases sind. Wie passt das zusammen?

Requate: 40 Prozent sind schon sehr ehrgeizig, und ich bin nicht sehr optimistisch, dass dieses Ziel bis 2020 erreicht werden kann. Aber wir haben ein gutes Instrument zur Reduktion von CO2, nämlich den Emissionshandel. Damit stellen sich die Energieversorger schrittweise auf die Verknappung ein. Was den Bau neuer Kohlekraftwerke angeht, herrscht in Deutschland im Moment ein wenig Hysterie. Wir haben zurzeit 25 Kohlekraftwerke, die vor 1970 gebaut worden sind. Die werden bei einer Laufzeit von zirka 45 Jahren langsam schrottreif. Gleichzeitig haben wir trotz aller Energieeinsparbemühungen eine eher steigende Nachfrage nach Elektrizität. Hinzu kommt der Ausstieg aus der Kernkraft. Das wird uns eine erhebliche Versorgungslücke schaffen. Und da bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die alten Kohlekraftwerke zumindest zu ersetzen und zum Teil auch in der Kapazität zu erhöhen, es sei denn wir wollen in großem Maße Strom importieren. Da die neuen Kohlekraftwerke wesentlich effizienter sind, benötigen sie weniger Kohle, um die gleiche Menge an Strom herzustellen, das heißt, wir produzieren weniger CO2.

Wie funktioniert der der Emissionshandel?

Der Emissionshandel setzt eine Obergrenze für den CO2-Ausstoß aller Staaten, die daran teilnehmen. Wenn wir jetzt versuchen, zusätzliches CO2 einzusparen, indem wir ein Kraftwerk nicht bauen, dann heißt das lediglich, dass die hier frei werdenden Zertifikate zum Beispiel nach Spanien oder nach Osteuropa verkauft werden. Das CO2, das hier nicht ausgestoßen wird, wird dann dort ausgestoßen. Zusätzliche Eingriffe in den Markt nützen der Umwelt überhaupt nicht.

Wir kommen also im Moment nicht runter von unseren CO2-Emissionen, weil die Menge der Zertifikate festlegt, wie viel CO2 abgegeben werden darf?

Kurzfristig ist das so. Natürlich wird die Gesamtmenge an Zertifikaten weiter reduziert. Wir haben von der ersten Handelsphase 2005 bis 2007 auf die zweite Handelsphase, die im Januar begonnen hat, schon eine erhebliche Reduktion erfahren. Das heißt, die Wirtschaft muss jetzt schon mit weniger Emissionszertifikaten auskommen. Nach 2012 werden die Zertifikate mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal reduziert werden. Aber innerhalb dieser Phasen nützen zusätzliche Einsparbemühungen durch die betroffene Wirtschaft gar nichts.

Zurück zur Kohle: Wie sind Kohlekraftwerke aus wirtschaftlicher Sicht zu bewerten?

Kohle ist neben der Kernenergie einer der billigsten Energieträger. In den letzten Monaten ist der Kohlepreis zwar auch angestiegen, aber kurz davor hatten wir Erzeugungskosten von ungefähr 3,5 Cent pro Kilowattstunde. Das ist gar nicht zu vergleichen mit den Kosten, die wir durch erneuerbare Energien haben: Bei Windkraft kostet der Strom pro Kilowattstunde 7 bis 10 Cent und bei Photovoltaik etwa 50 Cent. Wenn man sieht, wie empfindlich die Wirtschaft und auch die Haushalte auf leichte Erhöhungen der Energiepreise reagieren, dann wird klar, wie stark die Wirtschaft von niedrigen Energiepreisen abhängig ist. Von daher wäre es auch wirtschaftlich nicht vernünftig, vollständig auf Kohle zu verzichten.

Man muss auch sehen, dass Kohle auf dem Weltmarkt reichhaltig vorhanden ist. Wenn wir sie nicht nutzen, nutzen sie andere. Daher halte ich es für besser, dass wir hier moderne Kohlekraftwerke bauen und die Technologien zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid entwickeln, um sie dann später auch an Entwicklungs- und Schwellenländer zu exportieren.

Noch immer beziehen wir einen erheblichen Anteil des Stroms in Deutschland aus Kernkraftwerken. Sind diese im Hinblick auf den Kohlendioxidausstoß die bessere Alternative?

Ich wäre sehr dafür, die Laufzeitverkürzung der Atomkraftwerke zurückzunehmen. Ich halte es auch für notwendig, neue, sicherere Kernkraftwerke zu bauen. Gleichzeitig muss man natürlich nach Endlagern suchen, was in der Vergangenheit aus politischen Gründen versäumt wurde.

Sollte man aus Gründen der Sicherheit und des Klimaschutzes nicht besser auf erneuerbare Energien setzen?

Hier sind wir noch nicht so weit und vor allem nicht zu vertretbaren Kosten. Wir geben zurzeit sehr viel Geld für die Subvention von Windkraft und Photovoltaik aus. Photovoltaik ist jedoch in unseren Breiten eigentlich nicht sinnvoll einsetzbar, da zu wenig effektiv. So kostet die Vermeidung einer Tonne CO2 durch Einsatz der Photovoltaik ungefähr 1000 Euro, durch Maßnahmen direkt am Kraftwerk, wie Effizienzsteigerungen dagegen nur 25 Euro. Das heißt mit 1000 Euro kann man vierzig Tonnen CO2 direkt am Kraftwerk vermeiden, aber nur eine Tonne mit Hilfe der Photovoltaik. Diese Relation muss man sich vor Augen halten, wenn man gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke protestiert.

Das Interview führte Kerstin Nees
Zertifikate für den Klimaschutz
Mit Beginn des Jahres 2005 haben Deutschland und die EU ein neues Instrument für den Klimaschutz eingeführt: den so genannten Emissionshandel für das Treibhausgas CO2 (Kohlendioxid). Die Regelung gilt für energieintensive Unternehmen wie Kraftwerke, Chemiefirmen, Stahlwerke, Zement- und Papierfabriken. Das Prinzip: Die Betreiber dieser Anlagen erhalten kostenlose Zertifikate. Diese berechtigen den Besitzer zum Ausstoß einer genau festgelegten Menge an CO2. Die Anzahl der Zertifikate wird schrittweise verringert.

Firmen, die durch umweltfreundliche Technologien Kohlendioxid einsparen, können ihre überschüssigen Anteile verkaufen und damit bares Geld verdienen. Umweltsünder müssen sich das Recht für einen erhöhten Ausstoß erkaufen. Die Ausgabe der Zertifikate ist bis einschließlich 2012 kostenlos.
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