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unizeit Nr. 50 vom 25.10.2008, Seite 12  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Botenstoffe aus der Balance

Epilepsie bei Kindern ist für die Betroffenen eine große Belastung. Vielen kann man jedoch inzwischen wirkungsvoll helfen.


Im Volksmund wird die Epilepsie oft als Fallsucht bezeichnet. Experten wie Professor Ulrich Stephani von der Kinderklinik der Universität Kiel halten von dieser Übersetzung aber nichts, weil sie nur einen kleinen Teil der Erscheinungsformen der Erkrankung beschreibt. Bei Patienten, die total verkrampft auf den Boden stürzen, Schaum vor dem Mund bilden und während des Anfalls womöglich einnässen, ist die Epilepsie laut Stephani zwar "besonders dramatisch", aber keineswegs typisch ausgeprägt. Genauso kann es sein, dass sich ein Anfall allein durch eine nur wenige Sekunden andauernde Bewusstseinstrübung äußert. Die betreffende Person wirkt plötzlich "wie weggetreten", ihr Zustand ist dabei für Dritte oft überhaupt nicht wahrnehmbar.

In all ihren Ausprägungen ist die Epilepsie die am meisten verbreitete schwere attackenhafte Störung beim Menschen und trifft quer über den Globus ziemlich gleichmäßig ungefähr ein Prozent der Bevölkerung. Immerhin 40 Prozent der Neuerkrankungen treten im Kindes- oder Jugendalter auf. Statistisch gesehen ist dieses Risiko vom ersten bis zum vierten Lebensjahr und dann erst wieder ab dem 60. Lebensjahr besonders groß.

Doch was sich aus Perspektive der Eltern dramatisch anhört, birgt in Wahrheit auch Aspekte, die zur Hoffnung Anlass geben. Während bei Erwachsenen selten eine Heilung auftritt, ist dies bei 35 bis 40 Prozent der erkrankten Kinder der Fall.

»Das hängt damit zusammen, dass wir es bei Kindern mit einem sich entwickelnden Gehirn zu tun haben«, erläutert Professor Stephani. Bestimmte Formen der Epilepsie verschwinden mit der zunehmenden Reifung des Gehirns bis zur Pubertät und manchmal sogar deutlich früher von allein.

Einen jahrelangen Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen bedeutet das für die Betroffenen nicht. Dank weit entwickelter diagnostischer Methoden, unter denen die Elektroenzephalografie (EEG) genannte Messung der Hirnströme die herausragende Rolle spielt, lässt sich zuverlässig voraussagen, ob sich die Krankheit verwächst oder aber dauerhaft bleibt.

Das Elektroenzephalogramm (EEG) misst Hirnströme und weist Epilepsie nach.

Ohne therapeutische Hilfe geht es aber in beiden Fällen nicht. Ärztliche Kunst kann die Epilepsie zwar nicht heilen, wohl aber ihre Symptome bekämpfen. Mit Operationen und häufiger noch mit Medikamenten können nach Angaben von Stephani nahezu 70 Prozent der Patienten ein Leben völlig ohne Anfälle führen.

Hundertprozentige Aussagen über Heilungschancen werden sich zu dieser Krankheit aber noch sehr lange nicht machen lassen. Eine ganze Reihe verschiedener oder teils noch unbekannter Ursachen und unterschiedliche Ausprägungsformen machen es vielmehr nötig, jeden Einzelfall genau zu betrachten und erfordern laut Stephani eine »sehr individuelle Beratung«.

Im Kern hat Epilepsie dabei stets etwas mit Übererregbarkeit zu tun. So verrichten im menschlichen Gehirn gleichermaßen erregende wie hemmende Botenstoffe ihre Arbeit, um bestimmten Reizen die erwünschten Reaktionen folgen zu lassen. Die Balance gerät aus den Fugen, wenn die erregenden Botenstoffe überwiegen. Zu Epilepsie kommt es auch dann, wenn die Nervenzellmembranen selbst übererregbar sind. Im einen wie im anderen Fall kann das ohne jede äußere Stimulation zu epileptischen Anfällen führen.

Doch warum tanzen Botenstoffe oder Nervenzellen überhaupt aus der Reihe? Angeborene Fehlbildungen des Gehirns kommen als Ursache genauso infrage wie Stoffwechselstörungen oder Infektionen, die Vernarbungen hinterlassen. Entsprechend unterschiedlich sind die Formen der Therapie. Stoffwechselstörungen lassen sich möglicherweise am besten mit einer Diät behandeln, die Folgen von Fehlbildungen oder Vernarbungen am besten mit Medikamenten, von denen wiederum eine Vielzahl verschiedener Substanzen auf dem Markt ist.

Wichtig für die Eltern der betroffenen Kinder sind spezielle Schulungsprogramme der Universitätskinderklinik. Das soll nicht nur dazu beitragen, dass die Eltern so sorgsam wie nötig und zugleich so gelassen wie möglich mit ihren Kindern umgehen, sondern auch einem allgemeinen Ziel dienen: »Die Eltern sollen Botschafter dieser Krankheit werden«, wünscht sich Professor Stephani, nach dessen Überzeugung es keinen Grund gibt, die Epilepsie zu tabuisieren. Vielmehr könne eine aufgeklärte Gesellschaft ein gutes Stück dazu beitragen, den Alltag von Menschen mit Epilepsie deutlich zu erleichtern.

Martin Geist
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