Botenstoffe aus der Balance
Epilepsie bei Kindern ist für die Betroffenen eine große Belastung. Vielen kann man jedoch inzwischen wirkungsvoll helfen.

In all ihren Ausprägungen ist die Epilepsie die am meisten verbreitete schwere attackenhafte Störung beim Menschen und trifft quer über den Globus ziemlich gleichmäßig ungefähr ein Prozent der Bevölkerung. Immerhin 40 Prozent der Neuerkrankungen treten im Kindes- oder Jugendalter auf. Statistisch gesehen ist dieses Risiko vom ersten bis zum vierten Lebensjahr und dann erst wieder ab dem 60. Lebensjahr besonders groß.
Doch was sich aus Perspektive der Eltern dramatisch anhört, birgt in Wahrheit auch Aspekte, die zur Hoffnung Anlass geben. Während bei Erwachsenen selten eine Heilung auftritt, ist dies bei 35 bis 40 Prozent der erkrankten Kinder der Fall.
»Das hängt damit zusammen, dass wir es bei Kindern mit einem sich entwickelnden Gehirn zu tun haben«, erläutert Professor Stephani. Bestimmte Formen der Epilepsie verschwinden mit der zunehmenden Reifung des Gehirns bis zur Pubertät und manchmal sogar deutlich früher von allein.
Einen jahrelangen Schwebezustand zwischen Hoffen und Bangen bedeutet das für die Betroffenen nicht. Dank weit entwickelter diagnostischer Methoden, unter denen die Elektroenzephalografie (EEG) genannte Messung der Hirnströme die herausragende Rolle spielt, lässt sich zuverlässig voraussagen, ob sich die Krankheit verwächst oder aber dauerhaft bleibt.

Das Elektroenzephalogramm (EEG) misst Hirnströme und weist Epilepsie nach.
Hundertprozentige Aussagen über Heilungschancen werden sich zu dieser Krankheit aber noch sehr lange nicht machen lassen. Eine ganze Reihe verschiedener oder teils noch unbekannter Ursachen und unterschiedliche Ausprägungsformen machen es vielmehr nötig, jeden Einzelfall genau zu betrachten und erfordern laut Stephani eine »sehr individuelle Beratung«.
Im Kern hat Epilepsie dabei stets etwas mit Übererregbarkeit zu tun. So verrichten im menschlichen Gehirn gleichermaßen erregende wie hemmende Botenstoffe ihre Arbeit, um bestimmten Reizen die erwünschten Reaktionen folgen zu lassen. Die Balance gerät aus den Fugen, wenn die erregenden Botenstoffe überwiegen. Zu Epilepsie kommt es auch dann, wenn die Nervenzellmembranen selbst übererregbar sind. Im einen wie im anderen Fall kann das ohne jede äußere Stimulation zu epileptischen Anfällen führen.
Doch warum tanzen Botenstoffe oder Nervenzellen überhaupt aus der Reihe? Angeborene Fehlbildungen des Gehirns kommen als Ursache genauso infrage wie Stoffwechselstörungen oder Infektionen, die Vernarbungen hinterlassen. Entsprechend unterschiedlich sind die Formen der Therapie. Stoffwechselstörungen lassen sich möglicherweise am besten mit einer Diät behandeln, die Folgen von Fehlbildungen oder Vernarbungen am besten mit Medikamenten, von denen wiederum eine Vielzahl verschiedener Substanzen auf dem Markt ist.
Wichtig für die Eltern der betroffenen Kinder sind spezielle Schulungsprogramme der Universitätskinderklinik. Das soll nicht nur dazu beitragen, dass die Eltern so sorgsam wie nötig und zugleich so gelassen wie möglich mit ihren Kindern umgehen, sondern auch einem allgemeinen Ziel dienen: »Die Eltern sollen Botschafter dieser Krankheit werden«, wünscht sich Professor Stephani, nach dessen Überzeugung es keinen Grund gibt, die Epilepsie zu tabuisieren. Vielmehr könne eine aufgeklärte Gesellschaft ein gutes Stück dazu beitragen, den Alltag von Menschen mit Epilepsie deutlich zu erleichtern.
Martin Geist
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