Studentinnen in Sicht
100 Jahre Frauenstudium in Kiel: Als sich zum Wintersemester 1908 die ersten beiden Frauen einschrieben, waren sie noch Campus-Kuriositäten. Seither hat sich einiges getan.

Studentinnen der Universität Pennsylvania, USA, bei der Landvermessung um 1920. Foto: Picture Alliance
»Die Frauen mussten noch für, um und gegen alles kämpfen«, sagt Gleichstellungsbeauftragte Dr. Iris Werner. Und sie taten es. Dabei hatten die Männer doch so viele Argumente gefunden, sie davon abzuhalten: Die gelehrte Frau erscheine als vermännlichte Monstrosität und sei hässlich. Das Weib sei seinen allmonatlichen Schwächeperioden unterworfen. Wegen der für sie übermäßigen Gehirntätigkeit müsse die Frau zwangsläufig krank bis blödsinnig werden.
Die Durchsetzung des Frauenstudiums allen Hürden zum Trotz gilt als Sieg der Frauenbewegung, die jahrzehntelang ihre Forderungen immer wieder deutlich formuliert hatte. Um sich in der Männerdomäne dann aber tatsächlich durchzubeißen, brauchte es sehr viel Charakterstärke und den Mut, sich über die herrschenden Rollenmuster hinwegzusetzen. Die meisten frühen Studentinnen kamen daher über Umwege an die Universität und verheimlichten oft sogar ihren Angehörigen ihren Plan. Das beliebteste Fach war die Medizin, es folgten Geistes- und Kulturwissenschaften, an dritter Stelle die naturwissenschaftlichen Fächer.
Von den 362 ersten in Kiel eingeschriebenen Studentinnen zwischen 1908 und 1916 brach aber mehr als die Hälfte das Studium nach einem Semester schon wieder ab. Vielleicht weil eine akademische Berufstätigkeit fast automatisch Ehe- und Kinderlosigkeit bedeutet hätte. Vielleicht auch wegen der feindseligen Herablassung, die ihnen manch ein Professor oder Mitstudent entgegenbrachte. In Kiel waren die Studentinnen beispielsweise zunächst von fast allen sportlichen Aktivitäten ausgeschlossen, und auch eine wissenschaftliche Laufbahn wurde ihnen lange verwehrt. So war nach dem Studium das wichtigste Berufsfeld der Frauen die Schule, erst nach und nach öffneten sich auch andere akademische Bereiche: die Medizin, die Justiz, die evangelische Kirche. Es verwundert nicht, dass einige der Absolventinnen eine politische Laufbahn einschlugen, war doch schon ihre bloße Existenz als gebildete, unabhängige Frauen ein einziges Politikum.

Rektoratsübergabe 1917 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Studentinnen begeben sich zur Feier. Foto: ullsteinbild
Wollten die Frauen eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, waren sie dennoch weiterhin mit Vorbehalten konfrontiert. Was Werner und ihre Mitarbeiterin Dagmar Patz bei ihren Recherchen zum Jubiläum besonders überraschte: In Kiel wurde die erste ordentliche Professorin (Juristin Hilde Kaufmann) sogar erst 1966 berufen, fast 100 Jahre nach Sofja Kowalewskaja, die als erste Mathematikprofessorin 1869 an die Uni Stockholm berufen wurde.
Die echte Wende kam erst mit den Studentenrevolten und der Neuen Frauenbewegung der siebziger Jahre. Da ging es schlagartig bergauf und seither nicht wieder runter: Heute sind in Kiel bereits 55 Prozent der Studierenden Frauen, bei den Promotionen sind es immerhin noch 50 Prozent. Dramatischer Abfall erst bei den Habilitationen, da liegt der Frauenanteil nur noch bei 22 Prozent. Vielleicht weil die Rollenvorbilder fehlen: »Grundsätzliche Probleme wegen ihres Geschlechts gibt es für Studentinnen nicht mehr. Sie studieren sogar schneller, machen die besseren Abschlüsse. Der Frauenanteil unter den Professoren liegt allerdings nur bei neun Prozent. Da ist Kiel immer noch Schlusslicht«, sagt Werner. Bundesweit haben Frauen 12 Prozent der Professuren inne.
Jana E. Seidel
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