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unizeit Nr. 51 vom 13.12.2008, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Vergangener Glanz

Jeder Einzelne hat Erinnerungen, die etwa mit einem besonderen Kleidungsstück, Liedern oder Gerüchen verbunden sind. Wie kraftvoll die Erinnerungen einer ganzen Stadt sind, hat ein Kunstprojekt der Uni gezeigt.


Auf dem stillgelegten Förderband der alten Stärkefabrik in Loitz reihten sich Gläser aus den Wohnzimmervitrinen der Kleinstadt, die die Familien mit besonderen Ereignissen verbinden: Hochzeiten, Konfirmationen oder ein Straßenfest.

Zum Ort der Kindheit hat man eine besondere Beziehung. Kunstprofessorin Barbara Camilla Tucholski hat daraus mit ihrem Kollegen Sebastian Peter Lange und ihren Studierenden ein Projekt wachsen lassen, das die Stadtgestalt und den Stadtmythos von Loitz künstlerisch darstellt, und begibt sich damit in politische und biografische Spannungsfelder. Politisch, weil die mittelalterliche Kleinstadt in Ostdeutschland an den Rand des Vergessens gedrängt ist, wie so viele ihresgleichen. Biografisch, weil Tucholski bis zu ihrem fünften Lebensjahr mit ihren Eltern in dem Ort in Vorpommern lebte, dann mussten sie fliehen.

»Heute geht die spezifische ästhetische Substanz der Städte im Osten immer mehr verloren. Die verlassenen Häuser, die vielen Lücken in den Straßenzügen, die durch vorschnelle Abrisse entstehen – dort arbeiten wir, und suchen die Spuren von Erinnerungen«, erklärt Tucholski. Dabei ist zum Beispiel die ehemalige Stärkefabrik der Stadt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. »Diese Fabrik war jahrzehntelang die Erwerbsquelle der Loitzer. Heute ist sie stillgelegt und teilweise Vandalismus zum Opfer gefallen«, so Tucholski, »wir waren uns sofort einig, dass diese alte Fabrik unserer Ausstellungsort werden muss.« Als Material für unsere Kunstwerke diente das, was vor Ort war: Glasscherben der zerbrochenen Fensterscheiben, Holzkisten, Stoffe, die als Gardinen in verlassenen Häusern hingen. Auf Glasscherben und Holzkisten zeichneten die Studenten 500 Häuser des historischen Stadtkerns. Dadurch konnten sich die Besucher in der Ausstellung wieder finden: »Sie haben ihre Häuser und die von Nachbarn und Freunden auf den Zeichnungen gesucht, sich an alte Zeiten erinnert. Dadurch entsteht eine neue Identifikation mit ihrer Heimatstadt«, so Tucholski.

Ein Ziel dieser Verwebung von Stadt- und Familiengeschichte ist, die Wahrnehmung der Loitzer für die Schönheit ihrer Stadt zu schärfen, auch wenn diese bröckelt, damit sie sich für den Erhalt und die Erinnerung einsetzen. »Die Revitalisierung der ostdeutschen Kleinstädte muss vor allem von innen heraus geschehen, es reicht nicht, einfach Geld 'rüber zu schieben«, erklärt die Professorin, die ihre Wurzeln im Osten als Teil des Gelingen ihres Projektes sieht. »Es ist im Osten manchmal eine gewisse Ablehnung den "Wessis" und ihren Ratschlägen gegenüber zu spüren. Wir hatten es etwas einfacher, da einige Loitzer mich und meine Familiengeschichte noch kannten.«

Die Arbeit, die unter der Schirmherrschaft des Staatlichen Museums in Schwerin sowie den Ministerien von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein steht, hat inzwischen sogar zur Gründung des Loitzer Kunstvereins e. V. geführt. Die künstlerische und wissenschaftliche Fortsetzung ist dadurch erstmal ermöglicht. Dieses deutsch-deutsche Erinnerungsprojekt könnte ein Vorbild für viele weitere Städte sein, um sowohl die urbane als auch die menschliche Situation sichtbar werden zu lassen.

Julia Zahlten
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