Entzauberte Gefühle
Zur Adventszeit ist wieder aller Welt heimelig zumute. Doch sind unsere Gefühle vielleicht nichts als pure Biochemie?

Trotz aller Neurobiologie: In der Liebe steckt immer noch ein Stückchen Wunder. Foto: Digital Stock
Bahnbrechend neu ist dieser Zusammenhang nicht. Wohl aber erhält die Sache eine gewisse philosophische Würze, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema in den vergangenen Jahren vor allem dank verstärkter Forschungsbemühungen in den USA erheblich zugenommen haben. Immer häufiger können Experten genau benennen, bei welcher Gemütslage welche Stoffe wirken.
Leidet jemand an Depressionen, so ist sein Gehirn nach aller Wahrscheinlichkeit zu schlecht mit dem Botenstoff Serotonin versorgt. Wer hingegen vor lauter Glücksempfinden die ganze Welt umarmen möchte und dabei trotzdem einigermaßen auf dem Teppich bleibt, darf sich über eine offenbar genau richtige Konzentration von Dopamin freuen. Ist freilich zu viel dieses sogenannten Glückshormons im Spiel, schlägt das Entzücken ins Psychotische um. Zu wenig Dopamin lässt andererseits den Betroffenen in Apathie versinken.
Hartgesottene Romantiker pochen derweil darauf, dass wenigstens das Wunder der Liebe noch als solches zu betrachten sei. Doch auch hier zieht Professor Aldenhoff ernüchternde Schlüsse aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Oxytocin heißt das Zauberwort, das ein an ganz bemerkenswerten Zuständen der Verbundenheit beteiligtes Peptid beschreibt. Es wirkt, wenn eine Mutter ihren Säugling an die Brust legt, aber auch bei einer intensiven und auf Dauer angelegten Beziehung der erotischen Art. »Dabei geht es nicht nur um Sex, sondern wirklich um etwas Tieferes«, bekräftigt Aldenhoff und zitiert zudem eine »Verliebtheitsstudie«, die gleichermaßen Bemerkenswertes offenbart. Erblickt ein von Amors Pfeil getroffener Glückspilz das Antlitz seiner Angebetenen, so laufen bei ihm wie bei allen anderen Verliebten im Gehirn typische Aktivitätsmuster ab: Hirnzellen, die für negative Gefühle wie Trauer oder Depression zuständig sind, werden gezielt unterdrückt.
Interessant ist aber, dass die Prozesse im Gehirn nicht im Einbahnverkehr ablaufen. Neurobiologische Mechanismen lassen sich vielmehr auch psychotherapeutisch beeinflussen. So können Depressionen keineswegs nur mit Pillen kuriert werden, sondern ebenso mit spezifischen Psychotherapien. Gelingt es etwa, dem bei diesen Betroffenen oft vorzufindenden Hang zu chronischer Selbstüberforderung entgegenwirken, ist auch ohne Medikamente schon viel gewonnen und die Prozesse im Gehirn rücken sich auch neurobiologisch zurecht.
Auch das Fehlen einer stabilen Bezugsperson in der frühen Kindheit und andere Faktoren, die schwere psychische Störungen auslösen können, beeinflussen neurobiologische Prozesse.
Trotz aller Neurobiologie bleibt zudem in der Liebe wie in der Trauer und allen anderen Gefühlen ein von keiner Wissenschaft aufzulösender individueller Kern. Und genau der macht aus Sicht von Professor Aldenhoff den ganz besonderen Wert eines jeden einzelnen Menschen aus. »Der Inhalt eines Telefonates wird ja auch nicht davon bestimmt, ob man mit dem Handy oder übers Festnetz telefoniert, ein digitales oder altertümlich analoges Telefon benutzt«, greift er zu einem Vergleich.
»Seelische und körperliche Vorgänge sind untrennbar miteinander verknüpft«, lautet das Fazit des Wissenschaftlers, der guter Dinge ist, dass sich Sänger und Poeten auch in ferner Zukunft so manchen Reim auf das Mysterium der Gefühle machen können. Denn warum sich ausgerechnet zwei bestimmte Menschen ineinander verlieben und womöglich ein ganzes Leben lang beisammenbleiben, während andere nur für die flüchtigen Freuden einer einzigen Nacht zusammenfinden, an dieser Frage werden wohl selbst die kühnsten Forscher noch unabsehbare Zeit zu knabbern haben.
Martin Geist
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