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unizeit Nr. 51 vom 13.12.2008, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Duett von Hand und Kopf

Nur eine Handbewegung? Von wegen. Die Funktionsweise des menschlichen Greif­instruments ist vielschichtiger als gedacht.


Allein der Anblick eines Impulses genügt, und die künstliche Hand wird als die eigene wahrgenommen. Foto: mag

Professor Jürgen Golz befasst sich in seinen Forschungs­arbeiten gewöhnlich mit so komplexen Vorgängen wie der Farbwahrnehmung. Doch auch etwas vergleichsweise Simples wie die Hand verrät nach den Worten des Psycho­logen allemal Überraschendes zum Zusammen­wirken von Kopf und Körper. So geriet zu Beginn der neunziger Jahre die Annahme ins Wanken, wonach das, was erst einmal an einer bestimmten Stelle des Gehirns sitzt, ein für alle Mal dort bleibt. Beobachtungen an Menschen, die durch Amputation beispielsweise eine Hand verloren, haben seither vielfach gezeigt, dass das Gehirn im Gegenteil sehr wohl Teile umnutzen kann, wenn sie für den ursprünglichen Zweck nicht mehr benötigt werden. Der für die Hand zuständige Hirnbereich übernimmt unmittelbar benachbarte Funktionen und wird im Amputationsfall für den Unterarm oder das Gesicht mit zuständig.

Vergleichbares lässt sich laut Golz bei weniger dramatischen Sachverhalten beobachten. Gut geübte Violinisten weisen demnach im Gehirn ein deutlich stärker entwickeltes Areal für Fingerfertigkeit auf.

Sichtbar gemacht werden können diese und viele weitere derartige Phänomene durch moderne bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie. Ein weiterer verblüffender Zusammenhang zwischen Hand und Hirn zeigt sich indes ganz ohne spezielle Technik. Professor Golz macht zu diesem Zweck mit seinen Studierenden gern ein kleines Experiment, das sensiblen Naturen leicht einen Schauer über den Rücken jagen kann. Der Proband legt eine Hand auf den Tisch und erblickt daneben eine Gummihand, die durch einen Sichtschutz von der echten getrennt ist. Gleichzeitig setzt der Versuchsleiter dann die echte wie die künstliche Hand denselben Impulsen aus, zieht mal leicht am Mittelfinger, streicht langsam über den Handrücken oder tippt mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle. Der Proband sieht dabei nur das Imitat und nimmt es in einer großen Zahl von Fällen trotzdem schon nach kurzer Zeit als seine eigene Hand wahr.

So einfach dieser kleine Versuch ist, so eindrucksvoll widerlegt er die lange Zeit vorherrschende Annahme, wonach die menschlichen Sinne streng voneinander getrennt funktionieren. »Ganz offensichtlich stellt sich bei einem rein visuellen Reiz ein Berührungsempfinden ein«, erläutert Golz, der es ohne Weiteres für möglich hält, dass diese Erkenntnisse erst der Auftakt für den Nachweis von vielen weiteren intensiven Zusammenhängen zwischen den einzelnen Sinnen sind.

Martin Geist
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