Unterstreichen
Scheinbar einfache und nebensächliche Tätigkeiten sind eine Wissenschaft für sich.

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Wer während der Lektüre einen Text gezielt unterstreicht, verfolgt ein wissenschaftliches Verwertungsinteresse; er möchte das Gelesene für einen späteren akademischen Gebrauch aufbereiten. Die Praxis des Unterstreichens ist das geisteswissenschaftliche Pendant des anatomischen Präparierens. Das Utensil, mit dem das erfolgt, ist meist der frisch gespitzte Bleistift.
Der ebenso unscheinbare wie ausradierbare Bleistiftstrich erweist sich als eine komplexe Präparationstechnik, die vielfältig eingesetzt werden kann: Man kann den Textaufbau durch Bleistiftmarkierungen verdeutlichen, Wichtiges mit einer geraden Linie unterstreichen, Unplausibles mit einer gewellten Linie hervorheben, Unbekanntes mit einem grauen Kreis umkringeln oder Überflüssiges mit einer schnellen Handbewegung durchstreichen.
Ob man überhaupt und wie genau man unterstreicht, hängt von Faktoren wie Textgattung, Lektürestrategie und Auswertungsinteresse ab: Literarische Texte werden nach anderen Gesichtspunkten unterstrichen als fachwissenschaftliche; im Rahmen einer raschen Lektüre, die einen ersten Überblick schaffen soll, wird anders unterstrichen als im Rahmen einer gründlichen Lektüre, die ausgewählte Textstellen detailliert analysiert; je nachdem, ob die Lektüre der studentischen Klausurvorbereitung oder der Ausarbeitung eines wissenschaftlichen Aufsatzes dient, werden die Unterstreichungen deutlich voneinander abweichen.
Das Unterstreichen ist gemeinhin so stark von den Lektüreumständen, Vorkenntnissen und Vorlieben des bleistiftbewehrten Präparators abhängig, dass sich ohne Übertreibung sagen lässt: Man kann denselben Text nicht zweimal auf die gleiche Weise unterstreichen. Dies ist auch der Grund dafür, warum uns die Anstreichungen in Bibliotheksexemplaren maßlos irritieren: Sie sind die unverständlichen Spuren einer vergangenen Lektüre, deren Zielsetzungen uns ein Rätsel bleiben. Lässt sich der Gebrauchskontext und der Verwendungszweck der Unterstreichungen nicht mehr identifizieren, verwandelt sich das Textpräparat in ein kurioses Exponat: Es ist, wie ein ausgestopftes Tier, für die eigenen Zwecke kaum mehr zu gebrauchen.
Carlos Spoerhase

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