CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 51Seite 5
unizeit Nr. 51 vom 13.12.2008, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Splitter: Von Bier bis Informatik

Was waren das für Zeiten, als die Vereinten Nationen das »Jahr der Frau« ausriefen und halb Deutschland erregt darüber debattierte, ob Alice Schwarzer mit ihrer These von der allseits unterdrückten Weiblichkeit wirklich die Wahrheit beschreibe. Dass derart gesamtgesellschaftlich diskussionsprägende Wirkung in der Folge allerlei Nachahmer auf den Plan rief, überrascht kaum. Die geneigte Öffentlichkeit darf sich seither alle Jahresenden wieder darauf freuen, dass bald wieder ein neues Jahr beginnt und jede Menge Anliegen ins Blickfeld gerückt werden, die sonst in der allgemeinen Informationsflut jämmerlich untergehen würden.

Manchmal schließt sich dabei der Kreis auf geradezu bewundernswerte Weise. Etwa beim Deutschen Imkerbund, der 2008 in Anlehnung an die erfolgreiche Aktion von 1975 kurzerhand zum »Jahr der Frau in der Imkerei« erklärt hat. Das mag zwar ein bisschen provinziell erscheinen, doch befinden sich die Bienenfreunde in bester Gesellschaft. Keine unbedeutendere Organisation als die Vereinten Nationen deklarierte schließlich das laufende Jahr zum »Internationalen Jahr der Kartoffel«. Und über die obskuren Widmungen von einzelnen Tagen im Kalender wollen wir gleich gar nicht reden. Vom »Tag des Butterbrots« über den »Tag des deutschen Bieres« bis zum »Tag des Passivhauses« oder den »Tag des Friedhofs« erfreut sich so ziemlich jedes Anliegen, das in Deutschland mehr als drei Personen berührt, einer wenn auch nur 24 Stunden währenden Extrawürdigung.

Mit gebührendem Verzug ist auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung auf diesen Zug aufgesprungen. Seit 2000 ruft es regelmäßig ein Jahr zu Ehren einer speziellen akademischen Disziplin aus. Unter anderem Physiker, Geowissenschaftler, Geisteswissenschaftler und Informatiker gelangten dank dieser Initiative ins längst verdiente Rampenlicht, und für wenige Tage noch dürfen dieses Dasein die Mathematiker genießen. Nachdenklich stimmt jedoch, was das Ministerium sich für 2009 einfallen ließ. Dann soll das Wissenschaftsjahr unter dem enttäuschend ungriffigen Motto »Forschungsexpedition Deutschland« stehen. Was den Verdacht nahelegt, dass sich die Leute halt auch in Ministerien aufs allgemeine Schwadronieren verlegen, wenn ihnen nichts Konkretes mehr einfällt – oder ihnen letztlich doch der Mut zu ganz Konkretem wie dem »Jahr des Junggesellen in der Romanistik« fehlt.

Martin Geist
Zum Seitenanfang  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität   ► presse@uv.uni-kiel.de