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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 51 vom 13.12.2008, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Röntgen allein genügt nicht

Die Mammografie ist unverzichtbar für die Früherkennung von Brustkrebs. Als Reihenuntersuchung ist sie äußerst wirksam, wenn man dem schleswig-holsteinischen Modell folgt.


Die Mammografie gibt es mittlerweile auch in digitaler Technik. Hierbei werden die Bilder nicht mehr auf einem Film belichtet, sondern elektronisch gespeichert. Foto: Picture Alliance

Mit 45 Jahren ging Eva Engel* zum ersten Mal zur Mammografie. Erleichtert nahm sie ihren Befund entgegen, alles in Ordnung. Entsprechend sorglos suchte sie zwei Jahre später wieder die Röntgenpraxis auf, um ihre Brüste untersuchen zu lassen. Doch diesmal entdeckte die Ärztin eine auffällige Stelle, eine so genannte Mikroverkalkung. Ob das gut- oder bösartig war, konnte sie auch mit der nachfolgenden Ultraschalluntersuchung nicht sagen. Die Frauenärztin empfahl der höchst verunsicherten Frau, eine zweite Meinung einzuholen. Die daraufhin zu Rate gezogene zweite Röntgenfachärztin beurteilte die Veränderung als harmlos und riet zur Kontrolluntersuchung nach einem halben Jahr und bei unauffälligem Befund zu jährlicher Kontrolle. Doch die Verunsicherung blieb. War die Veränderung wirklich harmlos? Oder schlummerte dort doch eine bösartige Zellveränderung, die sich jederzeit zu einem Tumor auswachsen konnte? Eine dritte Röntgenpraxis wurde aufgesucht. Dort riet man Eva Engel dringend, die Verkalkung operativ entfernen zu lassen. Sie folgte schließlich diesem Rat und ließ sich operieren. Unter Vollnarkose wurden insgesamt 14 Gramm Gewebe entfernt, tief unten in der Brust. Es handelte sich nicht um Krebs oder Krebsvorstufen. Jetzt kann Eva Engel zwar wieder ruhig schlafen, aber sie hat auch fünf Monate nach der Operation immer noch Schmerzen in der Brust infolge des Eingriffs.

Fälle wie diesen, bei denen ein gesunder Mensch durch Einsatz moderner Diagnostik zum Kranken wird, nehmen Kritiker gerne zum Anlass, um den Sinn von Früherkennungsprogrammen grundsätzlich in Frage zu stellen. Gleichzeitig demonstriert der Fall aber auch, wie wichtig eine Qualitätssicherung im Rahmen der Früherkennung ist. Denn nicht alle Mammografiegeräte sind gleich, und nicht alle Radiologen kommen bei der Auswertung der Röntgenbilder zum gleichen Schluss. Mittlerweile ist fast überall in Deutschland ein Mammografie-Screening eingeführt. Hier erfolgt die Untersuchung nur in ausgewählten Röntgenpraxen. Möglicherweise wäre Eva Engel hier besser versorgt gewesen. Dennoch – das Risiko falsch positiver Befunde ist ein grundsätzliches Problem bei medizinischen Tests.

»Egal welcher Früherkennungsstrategie man zustimmt, muss man wissen, dass Auffälligkeiten gefunden werden können, die dann geklärt werden müssen. Und das ist bei der Brustdiagnostik relativ häufig«, erklärt Professorin Ingrid Schreer von der Kieler Universitätsfrauenklinik. Die meisten Fehlalarme könnten zwar mittels Röntgen- und Ultraschalluntersuchung abgeklärt werden. »Aber bei etwa einem Prozent der Frauen müssen wir wirklich eine Biopsie machen oder sogar operieren.« Die Radiologin hat Verständnis dafür, dass man sich als gesunder Mensch dieser Diagnostik entziehen möchte. »Aber jede Frau hat das theoretische Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Das kann man verdrängen. Besser ist, das Risiko zu minimieren oder die Erkrankung so rechtzeitig zu erkennen, dass sie noch heilbar ist.«

Dazu reicht es aber nach Meinung der Kieler Mammografieexpertin nicht aus, wie bisher im Screening vorgesehen, nur Frauen zwischen 50 und 69 Jahren routinemäßig zu röntgen. Denn nur die Hälfte der Krebsfälle tritt in dieser Altersgruppe auf. Jeweils ein Viertel der Brustkrebspatientinnen sind entweder jünger oder älter. Darüber hinaus sollten vor allem Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko bereits vor dem 50. Lebensjahr kostenlose Mammografien in qualifizierten Zentren erhalten. Das Gleiche gilt für über 70-Jährige, sofern sie ansonsten gesund sind. Außerdem setzt sich Schreer dafür ein, dass in das Vorsorgeprogramm neben der reinen Röntgenuntersuchung auch ein Gespräch mit einem Arzt eingeführt wird. Dieser soll das individuelle Brustkrebsrisiko erfassen nachund über die Möglichkeiten und Grenzen der Mammografie informieren.

All das ist übrigens in Schleswig-Holstein längst Standardleistung der Krankenkassen – dank QuaMaDi. Mit diesem Projekt zur qualitätsgesicherten Mammadiagnostik wurde 2001 in der Modellregion KERN ein Programm zur Früherkennung von Brustkrebs eingeführt. Im Unterschied zum bundesweiten Screening-Programm werden bei QuaMaDi Frauen aller Altersgruppen untersucht, wenn der Arzt das für angebracht hält. In der Praxis heißt das: Bei geringstem Verdacht überweist der Gynäkologe oder Hausarzt an einen extra geschulten Radiologen, der eine Mammografie macht und diese samt Befund an einen zweiten Radiologen weiterreicht. Sind sich beide in der Diagnose nicht einig, kommen die Aufnahmen zu Schreer. Die Expertin sieht sich dann die Aufnahmen an und veranlasst wenn nötig weitere Untersuchungen. Dieses Vorgehen hat dazu geführt, dass Schleswig- Holstein bei Brustkrebs besser dasteht als die anderen Bundesländer. »Wir finden einen höheren Anteil der kleinsten Tumorstadien und wesentlich weniger größere Tumoren«, so Schreer. Für die betroffenen Frauen bedeutet das bessere Heilungschancen und weniger belastende Therapien. Aufgrund des guten Erfolgs wurde das Programm 2005 von der KERN-Region auf ganz Schleswig-Holstein ausgedehnt. Am besten wäre, man würde das QuaMaDi-Konzept bundesweit übernehmen.

Kerstin Nees

www.quamadi.de
* Name von der Redaktion geändert
Stichwort Mammografie-Screening
Brustkrebs ist die häufigste bösartige Krebserkrankung bei Frauen. Jedes Jahr erkranken rund 57.000 Frauen neu an Brustkrebs, etwa 17.500 sterben jährlich an den Folgen der Erkrankung. Die Mammografie soll dazu dienen, Tumoren aufzuspüren, bevor sie tastbar werden. Ziel ist, durch die frühe Diagnose und Behandlung die Sterblichkeit zu senken und schonendere Therapien einsetzen zu können. Fast flächendeckend gibt es nun in Deutschland ein kostenloses Mammografie-Screening für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren. Sie werden alle zwei Jahre brieflich eingeladen, eine für das Screening qualifizierte Praxis aufzusuchen. Von den bisher Eingeladenen hat etwa die Hälfte das Angebot angenommen.

Die ersten Ergebnisse stellte Professorin Ingrid Schreer vom Mammazentrum der Kieler Universitätsfrauenklinik im September beim Gynäkologenkongress in Hamburg vor. Über 2,6 Millionen Frauen wurden bisher eingeladen, 1,45 Millionen haben das Angebot genutzt. Von den diagnostizierten Tumoren waren knapp 81 Prozent kleiner als 20 Millimeter, bei etwa 79 Prozent fand sich kein Lymphknotenbefall. Das heißt, die Heilungschancen sind größer. Die guten Ergebnisse sind Folge eines umfassenden Qualitätssicherungsprogramms: Die Qualität der Geräte wird überprüft, die Röntgenbilder werden von zwei erfahrenen Ärzten unabhängig voneinander ausgewertet, und im Verdachtsfall entnommene Gewebeproben werden von besonders qualifizierten Pathologen begutachtet.

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