Maßgeschneidert fürs Gehirn
Stents sind kleine Multitalente, die Leben retten können. Modelle für die Zukunft werden in Kiel entwickelt.

Gelbes Licht ist Pflicht im Kieler Nanolabor. Ähnlich dem Rotlicht im Fotolabor verhindert es unerwünschte Belichtungseffekte. Wichtig ist das auch bei der Herstellung von Stents, deren Oberflächenstruktur mit einer Kombination aus Beschichtung und Belichtung geschaffen werden. Foto: Uni Kiel / Jürgen Haacks
Durchblutungsstörungen sind klassische Fälle, in denen Stents zum Einsatz kommen. Die kleinen Röhrchen werden in Venen oder Arterien eingeschoben und drücken dort wie eine Feder gegen die Gefäßwand, um den Blutdurchfluss zu gewährleisten. Obwohl erst seit gut zehn Jahren in größerem Ausmaß mit derartigen Stützkonstruktionen gearbeitet wird, sind die Anwendungen in der Gefäßchirurgie bereits vielseitig. Und weitere Einsatzgebiete sind in Sicht, so Professor Quandt, der seine Stents in Zusammenarbeit mit einem namhaften Medizintechnikhersteller aus Pforzheim entwickelt. Gedacht sind die Stützröhrchen für die Neurologie, wo sie unter anderem bei der Behandlung von Aneurysmen wertvolle Dienste leisten können. Aneurysmen sind krankhafte Gefäßveränderungen, die Gehirnblutungen auslösen und tödlich enden können. Stabilisierend und korrigierend sollen die Kieler Stents wirken, die sich in einem wesentlichen Punkt von bisher genutzten Stents unterscheiden: Ihre gitterförmige Struktur wird nicht, wie sonst üblich, mit Lasern geschnitten, sondern durch Fotolithografie. Die Beschichtung mit Fotolack und die anschließende Belichtung mit UV-Licht erlaubt es dabei, sehr feine und komplexe Strukturen zu schaffen. Strukturen, die für unbedingte Maßarbeit erfordernde Eingriffe im Gehirn absolut lebenswichtig sein können.
Weshalb für die Entwicklung dieser Hilfsmittel ein Nanolabor nötig ist, erklärt sich aus dem grundsätzlichen Wert einer solchen Forschungsstätte: Sie ist immer dann wichtig, wenn vielfältige Anforderungen auf sehr begrenztem Raum erfüllt werden müssen. So sind Stents für die Neurologie nicht nur an sich sehr klein, sondern sie verfügen unter anderem wegen ihres schichtartigen Aufbaus und sehr differenzierter Feinstrukturen auch über Funktionen, die dem Laien wundersam erscheinen. Dank ihres »Formgedächtnisses« können die Röhrchen extrem zusammengepresst und an die gewünschte Stelle der betreffenden Blutbahn befördert werden, ehe sie sich wieder auseinanderfalten und ihre stabilisierende Funktion erfüllen. All das klappt, obwohl es sich beim Material nicht um Kunststoff handelt, sondern um eine Titan- Nickel-Verbindung, also um ein Metall. Technik vom Feinsten wie die etwa eine Million Euro teure Sputter-Anlage zum Beschichten des Metalls macht dies möglich.
Und nicht zuletzt die Erfahrung der Wissenschaftler im Nanolabor. Ihre Neuro-Stents stehen kurz vor der Erprobung an Tieren, bis zu einer Verwendung am Menschen dürften aber noch Jahre vergehen.
Martin Geist
Nicht sauber, sondern rein
Das 660 Quadratmeter große Nanolabor auf dem Gelände der Technischen Fakultät in der Kieler Kaiserstraße ist im Sommer 2008 offiziell seiner Bestimmung übergeben worden. Reinen Baukosten von etwa zwei Millionen Euro stehen weitere vier Millionen Euro Investitionen in Geräte gegenüber. Genutzt werden kann das Labor nicht nur von Uniangehörigen, sondern auch von Unternehmen aus der Region. Derzeit geschieht das noch vor allem über Kooperationen, die in der Praxis darauf hinauslaufen, dass die Experten der Universität entsprechende Aufträge für die Privaten übernehmen. Denkbar ist aber auch, dass Firmen gegen eine Art Miete eigenes Personal ins Nanolabor schicken. Interessant für Entwicklungsarbeiten besonders im Bereich der Medizintechnik, der Elektronik und der Sensorik ist das Nanolabor wegen seines Reinraums. Dank sehr aufwändiger Filtertechnik enthält die Luft in diesem Raum extrem wenig Staubpartikel und ist mithin wesentlich sauberer als die Luft an der See oder in den Alpen. Wichtig sind solche Bedingungen immer dann, wenn bereits ein Staubkorn die Funktion eines Geräts beeinträchtigen kann. Beispielsweise werden an der Uni Kiel in Zusammenarbeit mit der Autoindustrie neuartige Airbag-Sensoren entwickelt, die wegen ihres hochempfindlichen Aufbaus bei der Herstellung auf sauberste Luft angewiesen sind. mag
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