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unizeit Nr. 52 vom 07.02.2009, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

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Zeitgenössische Musik erfordert das aufmerksame und kreative Zuhören und damit die Auseinandersetzung.


"Chiffren" unterstützt auch andere Projekte zeitgenössischer Musik in Schleswig-Holstein, beispielsweise die Konzerte des "ensemble reflexion K" und besonders dessen Festival Neuer Musik in Eckernförde, dieses Jahr vom 26. bis 28. Februar. Foto: Marco Ehrhardt

Sich einfach berieseln lassen, das ginge mit Neuer Musik nicht, stellt Dr. Friedrich Wedell, Fachmann für Gegenwartsmusik, fest. Um die Ohren für die ungewohnten Klänge der heutigen Kompositionen zu öffnen, ist ein Vermittlungsprogramm erfunden worden: "chiffren" heißt es und ist eines der bundesweit anspruchsvollsten Projekte für Gegenwartsmusik.

Bereits zwei Mal betreute Wedell unter dem Label "chiffren" die "Kieler Tage für neue Musik". Angelegt ist "chiffren" jedoch nicht nur als Festival im Zweijahresrhythmus, sondern vielmehr als ständig laufendes Unternehmen zur Verankerung zeitgenössischer Musik bei der Jugend und in ganz unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens.

Beispielsweise herrscht am Sonntagvormittag im Klaiber-Studio des Kieler Opernhauses gespannte Erwartung: Im Publikum sechs zeitgenössische Komponisten, deren Stücke uraufgeführt werden sollen. Hervorgegangen sind die Kompositionen aus einem Workshop für Musiklehrerinnen und Musiklehrer. Wedell: »Wenn Lehrer selbst einmal komponieren und ihre Erfahrungen darin machen, verändert sich ihre Einstellung zur Gegenwartsmusik grundlegend. Dann können sie auch die Mädchen und Jungen aus ihrer Klasse zum Komponieren anregen. Deshalb bekommen sie im Rahmen des Projekts "Musik labor" die Möglichkeit, unter der Anleitung eines professionellen Komponisten eigene Kompositionen zu erarbeiten. Für "chiffren" ist dies eine Chance, neben der Präsentation von Spitzenleistungen im Festival auch in die Breite zu arbeiten. Wir können in der Spitze nur erfolgreich sein, wenn es eine breite Basis gibt. Das ist wie im Fußball. Den Dorfverein kann es nur geben, wenn es auch eine Weltmeisterschaft gibt, und umgekehrt.«

Die Uraufführungen dieses Sonntags sprechen für sich. Sie zeugen von einem hohen Qualitätsanspruch, der das gesamte Projekt auszeichnet. Und sie überzeugen das Publikum.

Das Projekt "Musiklabor" ist jedoch nur eines von einem Dutzend Vorhaben, die "chiffren" bündelt. Weil Wedell davon überzeugt ist, dass Musik sich »am besten selbst vermittelt «, hat er beispielsweise vor, ein Landesjugendensemble für Gegenwartsmusik zu gründen. Der erste Schritt ist schon getan: Sechs regionale Jugendensembles gibt es bereits, erste Auftritte finden am 8. Februar in Wedel und am 15. Februar im Kulturforum der Stadtgalerie in Kiel (15:00 Uhr) statt. »Jedes dieser Ensembles erarbeitet mit einem eigenen Leiter ein Zehnminutenprogramm«, kündigt Wedell an, »diese Kurzprogramme führen wir dann in einem gemeinsamen Konzert auf.« Auch der Landesjugendchor ist bereits dafür gewonnen: Am 15. März gibt er ein Konzert in der Rendsburger Marienkirche, am 2. Mai in Kiel.

Festivals, "Musiklabor" und Landesjugendensemble – nur drei von zwölf ehrgeizigen Vorhaben von "chiffren". Ohne aktive Partner und eine breite Unterstützung ist ein derartiges Mammutunternehmen, das die Jugend für die Musik unserer Zeit zu gewinnen sucht, gar nicht zu denken. Neben der Landeshauptstadt Kiel und dem Land Schleswig-Holstein, die als Mitinitiatoren des Gesamtprojektes die ersten beiden Festivals getragen haben, ist es vor allem das Netzwerk Neue Musik der Kulturstiftung des Bundes, das "chiffren" unterstützt. Träger ist inzwischen das Kieler Forum für zeitgenössische Musik, das eng an das Musikwissenschaftliche Institut der Universität angebunden ist. »Wie bereits in den sechziger Jahren hat sich damit das Musikwissenschaftliche Institut als eine Art Nukleus für Projekte der Gegenwartsmusik erwiesen«, resümiert Musikwissenschaftler Professor Siegfried Oechsle.

Für Studierende bietet "chiffren" wichtige Erlebnisse mit neuer und neuester Musik. »Es sind nicht nur die Konzerte, die die jungen Menschen prägen, sondern ebenso das organisatorische Drumherum. Musiker werden interviewt, Programmhefte geschrieben: Vielfältige Erfahrungen in den Bereichen Konzertmanagement lassen sich hier erwerben«, so Professor Bernd Sponheuer, Geschäftsführender Direktor des Musikwissenschaftlichen Instituts und Vorstandsmitglied im Forum für zeitgenössische Musik.

Die Resonanz auf "chiffren" ist sehr positiv. Die Konzerte sind gut besucht, die beiden Festivals fanden großen Anklang. Wedell: »Es gibt in unserem Land einen großen Nachholbedarf, was neue Musik angeht. Seit Mitte der achtziger Jahre war wenig in dieser Richtung zu hören.« Oechsle bestätigt: »Die Förderung durch das Netzwerk Neue Musik hat den Aufbruch in eine neue Dimension ermöglicht.« Wedell ist sich sicher: »Die Ohren sind offen, die Leute wollen etwas anderes hören – raus aus ihren täglichen Hörgewohnheiten.« In der Tat zeugten die stehenden Ovationen für die Musiker vom Ensemble Modern beim Auftaktkonzert zum Festival 2008 nicht nur davon, dass die Musiker ihrem Spitzenruf entsprechend gespielt hatten, sondern auch von einem kräftigen Hunger des Publikums nach neuen Klängen. Susanne Schuck

www.chiffren.de

Der Offene Kanal hat das Festival "chiffren 2008" aufgezeichnet und sendet Konzerte am 11. Februar, 10:15 und 22 Uhr, sowie am 18. Februar, 10:30 und 22 Uhr (KielTV, Kabelkanal 9)
Ensemble und Komponist zu Gast
Bei diesem Teilprojekt von "chiffren" wird im jährlichen Wechsel ein Komponist oder ein Ensemble für einen vierwöchigen Aufenthalt in Kiel ausgewählt. Der "composer" gibt einen Kompositionskurs für Kinder und Jugendliche, das Ensemble führt Projekttage für neue Musik an Schulen und Musikschulen durch. 2008 war Cord Meijering "composer in residence". Der Komponist und Direktor der Akademie für Tonkunst in Darmstadt gab einen Kompositionskurs für Kinder und Jugendliche mit abschließendem Konzert. 2009 kommt das "ensemble mosaik" aus Berlin nach Kiel. sck
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