Aber bitte mit Sahne
Ach, das Kaffeehaus. Dieser Ort, an dem diskutiert, Literatur geschaffen und die Veränderung der Welt angegangen wurde. Ein Seminar ist dem schönen Mythos auf der Spur.

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Im Seminar "Kaffeehaus, Café, Coffee to go: Zur urbanen Form eines Genussmittels" erfahren sie unter Leitung von Dr. Alexa Färber nicht nur eine Menge über das Genussmittel, sondern üben auch die Methoden der Europäischen Ethnologie. Neben der üblichen, wöchentlichen Teilnahme am Seminar verbringen die Studenten in Gruppen aufgeteilt zusätzlich einige Zeit in jeweils einem Café. Es gilt herauszufinden, welche Rolle Kaffee für die Ausformung von Geselligkeitsformen und Konsumpraktiken im städtischen Raum spielt.
Bei ihrem ersten Besuch im Café Pursche entwarfen entwarfen Janine und Caroline eine Kartierung des äußeren Raums: In welcher Umgebung befindet sich das Café? An diesem Nachmittag geht es um die Beschaffenheit des Raums: Wie sehen die Teppiche, Tapeten und die Dekoration aus? Und was sagt das alles überhaupt aus? Das sei der schwierigste Teil der Arbeit, erzählt Caroline, herauszufinden, ob man überhaupt die richtigen Fragen gestellt hat, um repräsentative Erkenntnisse über den Raum zu gewinnen.
»Dafür ist Kaffee ein tolles Thema«, sagt Dr. Alexa Färber, »weil man erstens Methoden der kulturwissenschaftlichen Stadtforschung üben kann, zweitens ganz viele andere volkskundlich- kulturhistorische Themen behandeln kann – wie die Entstehung bürgerlicher Lebenswelten, neuer Nahrungs- und Konsumgewohnheiten oder auch den Symbolwandel, die lokalen Bedeutungen dieses global gehandelten Genussmittels.«
In den Anfangszeiten der Kaffeehäuser hätten die beiden Studentinnen keines betreten dürfen. Der Genuss war zunächst den Männern vorbehalten. Ausgehend vom Osmanischen Reich, eroberte der Kaffee Mitte des 17. Jahrhunderts Europa. Die ersten deutschen Kaffeehäuser eröffneten in den Handelszentren Bremen (1673) und Hamburg (1677). Gerade zur rechten Zeit, um von einer aufstrebenden Gesellschaftsschicht entdeckt zu werden: dem Bürgertum. Wohl deswegen sieht manch einer in der Eröffnung des städtischen Kaffeehauses eine Grundsteinlegung der Moderne. Diskussionen über die aktuelle Lage hatten hier plötzlich ihren eigenen Raum außerhalb der höfischen Zirkel – »und wurden deshalb auch von der Obrigkeit misstrauisch beäugt. Immer wieder wurde versucht zu kontrollieren, ob oder wie über Tagesgeschehen und Politik gesprochen wurde.«
Im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Konditorei-Cafés, in denen beide Geschlechter gemeinsam verkehrten und die schließlich von den Frauen erobert wurden. Man denkt an Spitzendeckchen und altjüngferliche Klatschzirkel. Doch gewiefte Marketing-Strategen eroberten das Terrain schließlich zurück und warfen der gestressten Karrieregesellschaft einen unwiderstehlichen Brocken hin: "Coffee to go". Diese Form des Kaffeegenusses markiert einen neuen Einschnitt. »Sie verlieh dem Kaffeekonsum ein neues Logo, vermittelte urbanes Zeitmanagement«, so Färber. Zwar gab es ja eigentlich schon immer Kaffee in Plastikbechern beispielsweise an der Imbissbude – nur war der natürlich nie schick. Auch ein tolles Logo gab es auf den Bechern nicht, das signalisiert hätte: Schaut her, ich habe einen Job, ich kann nicht stundenlang herumhängen. Ist aber eigentlich ein Etikettenschwindel, den auch Janine und Caroline beobachtet haben: »Wer trinkt seinen Kaffee denn überhaupt im Gehen?« Meist wird er mitgenommen, um ihn dann irgendwo im Sitzen zu genießen. »Und wenn man sich das Innenleben anguckt, sind die Shops meist alles andere als "to go"«, ergänzt Färber. Auch dort gibt es plüschige Sofaecken, auch wenn in ihnen nun bunt belegte Bagel statt handgemachter Torten verputzt werden.
Jana E. Seidel
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