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unizeit Nr. 52 vom 07.02.2009, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Andere Perspektiven

Interdisziplinarität ist angesagt in der Wissenschaft. Steckt mehr dahinter als nur Mode? Professor Thomas Bosch ist überzeugt davon.


Professor Thomas Bosch (53) war einst selber Humboldt-Stipendiat und leitet den Humboldt-Club an der Uni Kiel. Foto: pur.pur

unizeit: Herr Professor Bosch, Sie persönlich haben als Diplom-Biologe ihren Doktor in Zoologie gemacht, sind inzwischen in der Molekularbiologie angekommen und arbeiten über die Exzellenzcluster »Entzündungsforschung« und »Ozean der Zukunft« ebenso mit Materialwissenschaftlern zusammen wie mit Medizinern. Auch der junge Humboldt- Stipendiat Dr. Yogendra Kumar Mishra, den wir auf dieser Seite vorstellen, bringt sich als Physiker in Ihr Team ein. Stellen Sie beide die Regel dar oder Ausnahmen?

Bosch: Zunehmend die Regel. Es kann nicht geleugnet werden, dass die Wissenschaft interdisziplinär geworden ist, sobald sie übers Oberflächliche hinausgeht und einen gewissen Tiefgang erreicht. Selbst noch so versierte Spezialisten müssen oft feststellen, dass sie auf die Fragen in ihrem Fachgebiet keine zufriedenstellenden Antworten finden, wenn sie nicht Kollegen aus anderen Disziplinen hinzuziehen. Sehen Sie sich nur die Namenshäufungen an, die heutzutage unter den Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften zu finden sind. Da stehen unter einem Paper oft fünfzehn bis zwanzig Autoren.

Bedeutet das aus gewissermaßen wissenschaftsromantischer Sicht das Ende der Universalgelehrten vom Schlage eines Goethe oder Leonardo da Vinci?
Ich glaube, dass es diesen Wissenschaftlertypus tatsächlich heute nicht mehr gibt, weil es ihn nicht mehr geben kann. Das Wissen ist viel zu breit und gleichzeitig viel zu speziell geworden, als dass es sich in einem Kopf vereinen ließe. Umso wichtiger ist es, Kreise zu formieren, in denen die Dinge aus der Spezialisierung heraus in möglichst umfassender Breite diskutiert werden.

Welche Kreise können das sein?
Nehmen Sie das Humboldt-Kolleg am Collegium Polonicum im polnischen Slubice, in dem jüngst etwa zwanzig aktuelle und ehemalige Humboldt-Stipendiaten der Christian-Albrechts- Universität mit dreißig Humboldtianern von verschiedenen polnischen Universitäten ebenso angeregt wie angestrengt über Fragen der Nanotechnologie, der Evolutionsbiologie oder der computer­unterstützten Spracherkennung diskutierten. Aus Perspektive des Referenten kann ich sagen, dass die Fragen bei diesen interdisziplinären Treffen vielleicht laienhaft sind, aber völlig intelligent. Dem Experten bieten sich dadurch immer wieder Anstöße, sein Thema aus bisher nicht wahrgenommenen Perspektiven anzugehen und auch an Unschärfen zu arbeiten.

Erfordert diese neue Interdisziplinarität auch eine neue Art Wissenschaftler?
In Teilbereichen jedenfalls eine andere Art. Der Wille und die Fähigkeit zur Kommunikation ist heute viel wichtiger als früher. Man kann nur dann über Fächergrenzen hinaus zusammenarbeiten, wenn man sich den anderen mitteilen kann.

Können Sie sich an eine besonders eindrucksvolle Begegnung der interdisziplinären Art in Ihrer Laufbahn erinnern?
An viele. Aber ein unvergessliches Erlebnis war es für mich, als bei einer Humboldt- Tagung in Berlin ein Mathematiker aus der Perspektive seines Fachgebiets heraus über die Schönheit der Musik sprach. Das war einfach umwerfend.

Das Interview führte Martin Geist
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