Lesen
Scheinbar einfache und nebensächliche Tätigkeiten sind eine Wissenschaft für sich.

Foto: pur.pur
Der wissenschaftliche Leser sucht nach dem passenden Saatgut für seinen Garten in der Bibliothek. Hier findet er Setzlinge und Saatgut. Lesend sortiert er vor, lässt jedes Korn durch die Finger fließen und prüft es auf seine mögliche Verwendung hin. Aber es hängt von vielen Umständen ab, ob daraus etwas wird, auch von den Hilfsmitteln, mit denen der Leser die Bücherlandschaften pflegt und zurechtstutzt: Historische Wörterbücher und Lexika werden dann zur scharfen Schere, um Begriffe und Bedeutungen zuzuschneiden, komplizierte Theorien zum Zaun, mit dem der Garten vor fremden Eingriffen geschützt wird, der Bleistift und Textmarker zur Hacke, mit dem Nutzpflanzen und Unkraut im Text getrennt werden.
Diese Lektüreschnitte sind entscheidend für die erhoffte Ernte. Der geschulte Blick des Gärtners trennt Unkraut von der keimenden Frucht, differenziert Wesentliches vom Unwesentlichen. Dabei kann er schnell scheitern, wenn wichtige Aspekte übersehen, übersehen, Zusammenhänge falsch oder gar nicht verstanden werden. Genau wie von einem Sprössling mag bei einem Text zu viel oder zu wenig abgeschnitten werden. Vor allem: Nicht immer ist klar, was eigentlich zum Unkraut gezählt werden darf. Was früher gern einmal ausgerupft wurde, kann heute oder morgen als dekorative Pflanze in den Blumenläden stehen, und wer zu rabiat aussortiert, verpasst den Anschluss an die neueste Mode der Textfloristen.
Eine weitere Anforderung stellt die richtige Komposition auf dem Feld dar. Nicht jede Idee, die beim Lesen entsteht, verträgt sich mit bereits Gelesenem, nicht jede Theorie hält der Prüfung am Primärtext stand. Manche Gedankenzierde ist zu umfangreich, entzieht dem Boden zu viele Nährstoffe und bringt die Quelle zum Versiegen. Der Weg zur Ernte ist lang und mühsam. Erfolgreich ernten kann nur derjenige, der keine schwerwiegenden Fehler beim Pflanzen, Pflegen und Jäten macht – und der ein wenig Glück mit dem Wetter hat.
Wilm Grunwaldt
Der Autor studiert am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien.
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