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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 52 vom 07.02.2009, Seite 7  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Lesen

Scheinbar einfache und nebensächliche Tätigkeiten sind eine Wissenschaft für sich.


Foto: pur.pur

Manchmal steht der wissenschaftliche Leser vor Textlandschaften wie vor einem weiten, verwilderten Feld: Der Boden ist hart und trocken, hier und da wachsen Gestrüpp und Unkraut, die Grenzen zu umliegenden Gegenden sind unklar, gelegentlich auch die Besitzverhältnisse. Der Textgärtner lässt sich auf eine harte Arbeit ein, wenn er daraus einen blühenden Garten machen will. Er muss viel Mühe und Zeit investieren, muss lernen, wie er mit den Bodenverhältnissen umgeht, muss Erfahrungen sammeln, welche Pflanzen gedeihen und welche Blumen zu exotisch sind, um sie wachsen zu lassen. Er wird viele Gewächse verkümmern sehen, bis die Wissenschaft ihre seltsamen Blüten treibt und sich die Lesefrüchte in Form von Vorträgen und Aufsätzen, von Seminaren und Monographien ernten lassen.

Der wissenschaftliche Leser sucht nach dem passenden Saatgut für seinen Garten in der Bibliothek. Hier findet er Setzlinge und Saatgut. Lesend sortiert er vor, lässt jedes Korn durch die Finger fließen und prüft es auf seine mögliche Verwendung hin. Aber es hängt von vielen Umständen ab, ob daraus etwas wird, auch von den Hilfsmitteln, mit denen der Leser die Bücherlandschaften pflegt und zurechtstutzt: Historische Wörterbücher und Lexika werden dann zur scharfen Schere, um Begriffe und Bedeutungen zuzuschneiden, komplizierte Theorien zum Zaun, mit dem der Garten vor fremden Eingriffen geschützt wird, der Bleistift und Textmarker zur Hacke, mit dem Nutzpflanzen und Unkraut im Text getrennt werden.

Diese Lektüreschnitte sind entscheidend für die erhoffte Ernte. Der geschulte Blick des Gärtners trennt Unkraut von der keimenden Frucht, differenziert Wesentliches vom Unwesentlichen. Dabei kann er schnell scheitern, wenn wichtige Aspekte übersehen, übersehen, Zusammenhänge falsch oder gar nicht verstanden werden. Genau wie von einem Sprössling mag bei einem Text zu viel oder zu wenig abgeschnitten werden. Vor allem: Nicht immer ist klar, was eigentlich zum Unkraut gezählt werden darf. Was früher gern einmal ausgerupft wurde, kann heute oder morgen als dekorative Pflanze in den Blumenläden stehen, und wer zu rabiat aussortiert, verpasst den Anschluss an die neueste Mode der Textfloristen.

Eine weitere Anforderung stellt die richtige Komposition auf dem Feld dar. Nicht jede Idee, die beim Lesen entsteht, verträgt sich mit bereits Gelesenem, nicht jede Theorie hält der Prüfung am Primärtext stand. Manche Gedankenzierde ist zu umfangreich, entzieht dem Boden zu viele Nährstoffe und bringt die Quelle zum Versiegen. Der Weg zur Ernte ist lang und mühsam. Erfolgreich ernten kann nur derjenige, der keine schwerwiegenden Fehler beim Pflanzen, Pflegen und Jäten macht – und der ein wenig Glück mit dem Wetter hat.

Wilm Grunwaldt

Der Autor studiert am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien.
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