Jesus reloaded
Hollywood greift auf, was die Menschen bewegt. Der Filmindustrie fällt es leichter als der Kirche, religiöse Themen zu vermitteln.

Neo (Keanu Reeves) gelingt im Kassenschlager »Matrix Reloaded« die Rückkehr aus dem Reich der Toten.
Foto: akg-images
Wie alle tiefen Sehnsüchte des Menschen hat Hollywood auch diese längst erkannt und lässt sie seit einiger Zeit regelmäßig auferstehen. Nicht mehr im klassischen "Jesus- Schinken", sondern in erfolgreichen Streifen wie "Alien IV", "6th Sense" oder "Hinter dem Horizont", die Professorin Sabine Bobert vom Institut für Praktische Theologie genauer untersucht hat: Gegen diese Ideen erscheine die Jesus-Figur auf der Leinwand »antiquiert wie Omas Teppich«.
Die Filmindustrie weiß eben, wie man Zuschauer fängt: Beim weltweiten, multireligiösen Massenpublikum spielen Bibel und Kirche eine eher untergeordnete Rolle, die existenziellen Fragen hingegen bewegen jedermann: »Mit dem Zurücktreten der Vereinheitlichungen des Religiösen durch regelnde Institutionen wie Kirchen zählt zunehmend das Spiel mit religiösen Anschauungen zum Warenangebot der Filmindustrie. Und seit den 1990er Jahren gehört der Themenkomplex "Tod und Auferstehung" zu der verkaufsträchtigen Ware, die dem Zeitgeist und der Mentalität der Massen entspricht«, sagt Bobert.
Zwar bewies Mel Gibsons so verbohrte wie geschickt vermarktete "Passion Christi" einerseits, dass ein Jesusfilm immer noch zum Kassenschlager taugt, andererseits zeigte er aber auch, dass man dafür schon sehr schwere Geschütze auffahren muss. Es wird auf Authentizität gepocht, Aramäisch gesprochen und so viel Blut verspritzt, dass manch ein Zuschauer auf Distanz geht. So sei es oft bei den Bemühungen, Jesus als historisches Faktum abzubilden – die Geschichte verliere ihre Mystik, die Botschaft dahinter ihren Reiz.
Interessanter findet deshalb Sabine Bobert in diesem Zusammenhang Filme, die gar nicht erst mit dem verbissenen Anspruch antreten, eine historisch präzise Aufarbeitung religiöser Themen anzubieten. Denn eines kann Kino am besten: unmittelbar berühren und unterhalten. Das gelingt ihm sogar mit biblischen Versatzstücken – vom Staub der Geschichte befreit. Ein zweiter Blick auf den Film "Matrix", der auf den ersten Blick nur ein Ballerfilm mit perfekt durchgestylter Bildersprache zu sein scheint: »Der Film begeisterte die evangelikalen Christen, da die Wachowski-Brüder den postmodernen Erlöser Neo mit deutlichen Parallelen zum Leben Jesu inszenierten«, sagt Bobert. Nicht umsonst lief der Auftakt zu der erfolgreichen Trilogie an einem Osterwochenende an: Die Hauptfigur Neo, die feststellt, dass sie nicht in einer realen Welt, sondern fremdbestimmt in einer Matrix agiert, wird in dieser Matrix erschossen. Gekreuzigt wird heutzutage schließlich nicht mehr. Und nun kommen all die Elemente ins Spiel, die in der "Passion Christi" erwartungsgemäß, hier aber mit spielerischer Leichtigkeit umgesetzt wurden: Da sind die Zeitlupen, die erhaben-choralen Klänge, der beliebte Lichteffekt, bei dem ein Strahlenkranz den "Auserwählten" umgibt. Und als solcher wird Neo von Morpheus – dem Anführer der Terroristen, die die Menschen von der Illusion befreien wollen – auch direkt bezeichnet. Morpheus‘ gläubige Ehrfurcht ist die Johannes’ des Täufers bei seiner ersten Begegnung mit dem Messias. Und nach Neos Auferstehung wird nicht einmal das Auffahren gen Himmel ausgespart. Allerdings ist der als Jesus inszenierte Actionheld keiner, der auch noch die andere Wange hinhält. Er schießt ziemlich gut. Kleines Zugeständnis an den Zeitgeist.
Apropos Zeitgeist: Man könne überspitzt die Frage stellen, sagt Bobert, ob Film gegenüber der Predigt derzeit das religiösere Medium sei. »Was Predigten mühsam in Worten erarbeiten müssen, in einer blassen, tradierten Vorstellung von den letzten Dingen gefangen, vermag der Film anhand grandioser Bilder und mit großer Gefühlsintensität darzustellen.« Vielleicht könne die Kirche sogar von der publikumswirksamen, spielerischen Vermittlung der großen Fragen lernen, wo doch das, »was sie vorsichtig mit "Marketing" ausprobiert, seit langem zur Überlebensstrategie der Filmindustrie gehört: Popularität und Publikumsnähe.«
Jana E. Seidel
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