Sherlock Holmes des Friesischen
Mit detektivischer Lust aufs Verborgene begibt sich Friesisch-Professor Jarich Hoekstra auf die Suche nach frühen Texten der heutigen Minderheitensprache. Und stößt dabei auf wahre Schätze.

Foto: pur.pur
So ähnlich war es auch mit seiner jüngsten Entdeckung, einem der ältesten nordfriesischen Prosatexte. Bei Internet-Recherchen auf den Seiten des Goethe- und Schillerarchivs in Weimar stieß er auf einen Text mit Konversationen auf Friesisch. »Ich habe mir davon zuerst gar nicht so viel versprochen, und bin davon ausgegangen, dass es sich um Westfriesisch handelt. Davon gibt es viele ältere Texte«, erinnert sich Hoekstra. Umso größer war die Überraschung. »Als die Kopien aus dem Archiv bei mir ankamen, hab ich am Schriftbild sofort gesehen, dass es sich um einen Text von Boy Jacobsen handelt. 70 Seiten Prosa auf "Freesk", der Mundart der Nordergoesharde, einer Gegend nördlich von Husum, verfasst 1760 – das war schon eine kleine Sensation.« Bisher gab es aus der Zeit vor 1800 an Prosa nur einen Katechismus und Abschnitte aus der Bibel in Nordfriesisch.
Boy Jacobsen (1697–1762), der in Sterdebüll in Nordfriesland geboren wurde, war Kaufmann und später Universitätsnotar in Göttingen. In der Fachwelt war er bereits als erster nordfriesischer Wörterbuchautor bekannt. Die jetzt wieder aufgetauchten Texte sind im Auftrag des Göttinger Professors Christian Büttner entstanden, der sich für Sprachen interessierte und aus allen Ländern der Welt Textproben zusammengebracht hat. Dafür ließ er niederländische Konversationsbücher aus dem 17. Jahrhundert übersetzen. In ihnen findet man einfache Unterhaltungen in mehreren Sprachen. Sie sollten helfen, neue Sprachen zu lernen. Inhaltlich geht es dabei unter anderem um Verkaufsgespräche zwischen niederländischen Kaufleuten und ihren ostindischen Handelspartnern. Auf Friesisch mute dies manchmal etwas skurril an, so Hoekstra. »Es geht teilweise um seltsame und exotische Dinge: Eunuchen, Elefanten und Granatäpfel beispielsweise. Sachen also, die nicht unbedingt zur direkten Lebensumgebung der Nordfriesen gehörten.« Als Folge hat Jacobsen neue Wörter schaffen müssen wie zum Beispiel "dä Üttscheernä" für den Eunuch, teilweise hat er aber auch nur die Wörter der Sprache des Originals übernommen und dem Friesischen angeglichen – wie bei "Elefantä".
Die "Detektivarbeit", also die Suche nach alten Texten, wird heute vor allem durch das Internet erleichtert. »Ich wäre nie auf die Idee gekommen, nach Weimar ins Archiv zu fahren und die Registerlisten durchzustöbern. Dank Internet kann ich die Texte, die mir in den veröffentlichten Listen "verdächtig" vorkommen, als Kopien anfordern«, erklärt der Frisistikprofessor, der von seinem Institutskollegen Dr. Alastair Walker scherzhaft "Sherlock Holmes des Friesischen" genannt wird. »Zunächst schreibe ich den Text dann ab, so dass er in einer digitalen Form vorliegt. Bei Boy Jacobsen war das recht einfach, da er eine saubere Handschrift hat.« Dann untersucht Hoekstra die Texte nach sprachlichen Besonderheiten. »Manchmal findet man noch nicht überlieferte Wörter oder interessante Erscheinungen in der Grammatik. Bei Jacobsen gibt es zum Beispiel noch die im Friesischen übliche Zweiteilung der schwachen Verben, die in späteren nordergoesharderfriesischen Texten nicht mehr vorhanden ist. So lässt sich nach und nach eine Entwicklungsgeschichte der Sprache rekonstruieren.«
Der gesamte Text mit erläuternden Fußnoten und einer Einführung in die geschichtlichen und sprachlichen Hintergründe wird 2009 in Ålstråke/Estrikken, der gemeinsamen Schriftenreihe der Kieler und der Groninger Frisistik, herausgegeben.
Julia Zahlten
Morde im mittelalterlichen Friesland
Neben seinen wissenschaftlichen "Ermittlungen" ist Professor Jarich Hoekstra mit seinem Freund Harke Bremer auch als literarischer Autor tätig. Im Februar erschien ein Krimi auf Westfriesisch aus seiner Feder. In "De frouwepenje" (frei übersetzt: "Die Mariahänger") tritt ein Mönch im mittelalterlichen Friesland als Detektiv auf, um eine Reihe von Morden aufzuklären.
Jarich Hoekstra, Harke Bremer: De frouwepenje. De Gordyk/Niederlande 2009
Jarich Hoekstra, Harke Bremer: De frouwepenje. De Gordyk/Niederlande 2009
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