Die Herren der Insel
Forscher des Instituts für Ur- und Frühgeschichte wollen wissen, was schon den Steinzeitmenschen auf die ostholsteinische Seenplatte trieb.

Was so idyllisch aussieht, ist harte Arbeit. Archäologen erforschen die Inseln im Großen Plöner See.
Foto: Magdalena Wieckowska
Bevor sie zu verwertbaren Ergebnissen kommen können, müssen die Forscher allerdings zunächst untersuchen: War diese Insel überhaupt immer schon eine Insel? Denn durch Verschiebungen des Wasserspiegels kann es passieren, dass einstige Halbinseln heute als Inseln erscheinen und umgekehrt. Deshalb wird auch im Flachwasser rund um die Insel gebohrt, um beispielsweise Torfschichten zu finden: »Torflagen, die sich heutzutage unter Wasser befinden, deuten einen geringeren Wasserstand des Sees in früheren Zeiten an, was dafür spricht, dass die Insel einst eine größere Ausdehnung hatte«, sagt die Pollenanalytikerin Magdalena Wieckowska. Sie untersucht vorrangig pollenführende Ablagerungen in den Bohrkernen, die zeitlich oft viele tausend Jahre überspannen, und erforscht Schicht für Schicht den Pollengehalt. Jede Schicht eines Profils spiegelt durch ihr Pollenspektrum die Vegetation zur Zeit ihrer Ablagerung wider. Jeder menschliche Eingriff in die Natur verändert die Vegetation, und so zeichnen sich die Siedlungsintensitäten und die verschiedenen Wirtschaftsweisen in dem Pollendiagramm eines Sedimentprofils ab.
Auf etwa 97 Prozent der erforschten Inseln haben die Forscher menschliche Hinterlassenschaften aus verschiedenen Epochen entdeckt – die meisten aus der Jungsteinzeit und dem Mittelalter. »Was nun aber nicht bedeuten muss, dass in der Zwischenzeit nichts passiert ist«, erklärt Huber. Nur wurde in den genannten Zeiten möglicherweise mehr hergestellt, das sich auffindbar erhält: die unverwüstlichen, steinernen Klingen des Neolithikums, versteckt von Steinzeitmenschen – die sie wohl irgendwann wieder abholen wollten, bis etwas dazwischen kam – und die Keramiken des Mittelalters. Auf einer kleinen, untergegangenen Insel im Stolper See fanden die Forschungstaucher außerdem eine eiserne Axt und Reste von massiven Holzpfählen, die vielleicht Teil einer Befestigung im Wasser, einer Art Motte, waren. Im Mittelalter errichtete man offenbar kleine Herrschaftszentren, von denen aus sich die Umgebung kontrollieren und die Festung relativ leicht verteidigen ließ.
Nun wurden auch Beile der Bronzezeit entdeckt. »Eine kleine Sensation«, sagt Philip Lüth, der für den Aufbau des projektbezogenen geographischen Informationssystems verantwortlich ist. Da es vorher noch keine Funde gab, die auf etwas anderes hindeuteten, war man bislang davon ausgegangen, dass die Menschen sich zu der Zeit eben nicht auf Inseln aufhielten. Irrtum. Inseln wirkten offenbar zu jeder Zeit aus verschiedenen Gründen anziehend auf die Menschheit – als Zufluchtsort, um sich selbst oder seine Schätze zu verbergen.
Jana E. Seidel
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