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unizeit Nr. 53 vom 11.04.2009, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die Herren der Insel

Forscher des Instituts für Ur- und Frühgeschichte wollen wissen, was schon den Steinzeitmenschen auf die ostholsteinische Seenplatte trieb.


Was so idyllisch aussieht, ist harte Arbeit. Archäologen erforschen die Inseln im Großen Plöner See.
Foto: Magdalena Wieckowska

Die kleinen, von Wasser umgebenen Landflecken stehen für die Erfüllung von Urlaubsträumen. Allerdings sind letztere eine recht neue Erfindung. Warum also suchten Menschen schon vor mehr als 5000 Jahren Inseln auf, obwohl die doch wesentlich schwerer zu erreichen sind als das Wäldchen nebenan? Dieser Frage widmet sich das auf drei Jahre angelegte, von der Deutschen Forschungsgesellschaft geförderte und im Institut für Ur- und Frühgeschichte angesiedelte Projekt "Inselnutzung". Genauer gesagt: "Funktionen von Inseln in den Binnengewässern der holozänen Siedlungslandschaft Schleswig-Holsteins. Unter der Leitung von Professor Ulrich Müller und Dr. Ralf Bleile erforschen die Mitarbeiter die Inseln der ostholsteinischen Seenplatte. Schleswig-Holstein weist eine recht große Wasserfläche auf, »und eine Landschaft prägt die Gesellschaft, weswegen die Seen wohl auch eine große Bedeutung hatten«, sagt Mitarbeiter Florian Huber, der für die Untersuchungen auf den Inseln und für die Forschungstaucheinsätze verantwortlich ist. Auf den vorhandenen Karten zeigen rote Markierungen etwa 2700 bereits ausgewertete archäologische Fundplätze rund um die Seen an. Mittendrin aber liegen die bislang noch wenig untersuchten "weißen Flecken": die Seen selbst und ihre Inseln.

Bevor sie zu verwertbaren Ergebnissen kommen können, müssen die Forscher allerdings zunächst untersuchen: War diese Insel überhaupt immer schon eine Insel? Denn durch Verschiebungen des Wasserspiegels kann es passieren, dass einstige Halbinseln heute als Inseln erscheinen und umgekehrt. Deshalb wird auch im Flachwasser rund um die Insel gebohrt, um beispielsweise Torfschichten zu finden: »Torflagen, die sich heutzutage unter Wasser befinden, deuten einen geringeren Wasserstand des Sees in früheren Zeiten an, was dafür spricht, dass die Insel einst eine größere Ausdehnung hatte«, sagt die Pollenanalytikerin Magdalena Wieckowska. Sie untersucht vorrangig pollenführende Ablagerungen in den Bohrkernen, die zeitlich oft viele tausend Jahre überspannen, und erforscht Schicht für Schicht den Pollengehalt. Jede Schicht eines Profils spiegelt durch ihr Pollenspektrum die Vegetation zur Zeit ihrer Ablagerung wider. Jeder menschliche Eingriff in die Natur verändert die Vegetation, und so zeichnen sich die Siedlungsintensitäten und die verschiedenen Wirtschaftsweisen in dem Pollendiagramm eines Sedimentprofils ab.

Auf etwa 97 Prozent der erforschten Inseln haben die Forscher menschliche Hinterlassenschaften aus verschiedenen Epochen entdeckt – die meisten aus der Jungsteinzeit und dem Mittelalter. »Was nun aber nicht bedeuten muss, dass in der Zwischenzeit nichts passiert ist«, erklärt Huber. Nur wurde in den genannten Zeiten möglicherweise mehr hergestellt, das sich auffindbar erhält: die unverwüstlichen, steinernen Klingen des Neolithikums, versteckt von Steinzeitmenschen – die sie wohl irgendwann wieder abholen wollten, bis etwas dazwischen kam – und die Keramiken des Mittelalters. Auf einer kleinen, untergegangenen Insel im Stolper See fanden die Forschungstaucher außerdem eine eiserne Axt und Reste von massiven Holzpfählen, die vielleicht Teil einer Befestigung im Wasser, einer Art Motte, waren. Im Mittelalter errichtete man offenbar kleine Herrschaftszentren, von denen aus sich die Umgebung kontrollieren und die Festung relativ leicht verteidigen ließ.

Nun wurden auch Beile der Bronzezeit entdeckt. »Eine kleine Sensation«, sagt Philip Lüth, der für den Aufbau des projektbezogenen geographischen Informationssystems verantwortlich ist. Da es vorher noch keine Funde gab, die auf etwas anderes hindeuteten, war man bislang davon ausgegangen, dass die Menschen sich zu der Zeit eben nicht auf Inseln aufhielten. Irrtum. Inseln wirkten offenbar zu jeder Zeit aus verschiedenen Gründen anziehend auf die Menschheit – als Zufluchtsort, um sich selbst oder seine Schätze zu verbergen.

Jana E. Seidel
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