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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 54 vom 30.05.2009, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Generation Comedy

Das Lachen ist keine so unschuldige Gefühlsregung, wie es den Anschein hat. Es kann Menschen verbinden, aber auch herabsetzen.


Foto: Photocase

Ein Komiker namens Mario Barth füllt ganze Arenen und inzwischen auch Kinosäle. Eine politische Rede ohne Witz wirkt nahezu gestrig. In der Werbung verblassen die beworbenen Produkte hinter dem großen Produkt Spaß, das in den meisten Fällen gleich mit versprochen wird. Und das alles, obwohl die viel diskutierte "Spaßkultur" längst für tot erklärt wurde.

Das Lachen, nur vordergründig ein Ausdruck unverfälschter Freude, hat viele Gesichter, die derzeit in einem Seminar der Europäischen Ethnologie und Volkskunde unter Leitung von Professor Andreas Schmidt genauer betrachtet werden. Einerseits ist es ein sozialer "Klebstoff", etwas, das Menschen verbindet. Forschungen haben gezeigt, dass viel häufiger für den gesellschaftlichen Nutzen gelacht wird als aus echter Freude. Und dass Menschen sogar auf unechtes Lachen animiert reagieren, stellte unlängst der amerikanische Humorforscher Dr. Robert Provine von der University of Maryland, Baltimore County, fest. Das Lachen hat ohne Frage eine manipulierende Wirkung und kann ebenso gut zur Herabsetzung oder Ausgrenzung gebraucht werden. Auch diesen Gesichtspunkt untersuchen Schmidts Studenten: »Wir lachen über Stoffe, die unserem Wissenshorizont entsprechen. Unser Lachen entscheidet, ob wir dazugehören. Witze sind nicht so aufgebaut, dass sie etwas erklären, sondern sie setzen etwas voraus. Wenn beispielsweise Michael Mittermeier über die Serie "Star-Trek" frotzelt, muss man die schon kennen, um lachen zu können«, sagt Schmidt.

Sehr einfach macht den Zutritt zu einer Lachgemeinschaft die aktuelle Comedy à la Mario Barth, vielleicht ist sie auch deshalb so beliebt. Es braucht nur die Bereitschaft, wirklich alles witzig zu finden: »Comedy greift intellektuell immer auf der untersten Ebene an, wo jeder sie verstehen kann. Die Leute gehen schon mit einer Lachhaltung hinein und lachen einfach über alles. Anders im Kabarett, beispielsweise bei Dieter Hildebrandts "Scheibenwischer", wo der Zuschauer gefordert wird und durch die Mischung von ernsten Segmenten und witzigen Einschüben Spannung entsteht. Da bleibt das Lachen mal zaghaft im Halse stecken, mal bricht es befreiend heraus. Es wird gegen den Strich gebürstet, die Oberen werden verlacht. In der Comedy folgt man hingegen meist dem gesellschaftlichen Gefüge und lacht von oben nach unten, »im Zweifelsfall über die Schwächsten«, so Schmidt. Jeder kann sich einer Cindy aus Marzahn – dem Prototyp einer Frau am unteren Ende der Trittleiter – überlegen fühlen. Das Lachen wirkt hier auch befreiend, »aber befreiend von nichts, weil ja gar keine Spannung aufgebaut wurde. Es lenkt bloß vom Alltag ab.«

Das habe sich verändert, seit mit Otto in den siebziger Jahren der triviale Witz in die Fernsehlandschaft einzog. Humor sei keine Haltung mehr, die durchaus auch mit Nachdenklichkeit einhergehen könne. Gewünscht sei zunehmend der schnell verfügbare Witz. Den freizusetzen, gehe auch immer mit einer gewissen Selbstoffenbarung einher. Die meisten erfolgreichen Komiker sind begnadete Selbstdarsteller. Eine Eigenschaft, die dem Trend der Selbstentblößung auf allen Kanälen entspricht.

Ein Gegentrend, womöglich eine Rückkehr zur einst viel beschrieenen deutschen Ernsthaftigkeit ist vorerst nicht in Sicht: »Ich glaube, der Zenit ist noch nicht überschritten«, so Schmidt.

Jana E. Seidel
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