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unizeit Nr. 54 vom 30.05.2009, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Vielfalt macht Schule

Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit in die Schule – kulturelle, soziale oder gesundheitliche. Für Lehrer ist das eine echte Herausforderung, auf die das Studium in Kiel vorbereitet.


Foto: Picture Alliance

»In meiner Kindheit durfte die Grundschullehrerin davon ausgehen, dass alle Kinder ziemlich genau auf einem Stand waren. Heute können in der ersten Klasse einige schon schreiben und andere noch nicht mal richtig sprechen.« So schildert Professor Uwe Sielert vom Institut für Pädagogik die Veränderungen, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte in deutschen Klassenzimmern vollzogen haben.

Der unterschiedliche Leistungsstand schon unter den Jüngsten ist nur eine Facette. Kinder mit Behinderungen oder Verhaltensauffälligkeiten, Kinder mit ausländischen Wurzeln, Kinder aus gehobenen und bildungsfernen Schichten, sie alle sitzen in den ersten vier Jahren nicht selten in ein und demselben Klassenzimmer.

Bereits seit Herbst 2001 widmen sich die Fachleute für Sozialpädagogik des Uni-Instituts dem Thema "Diversity Education", zu deutsch: "Pädagogik der Vielfalt". Neu ist, dass dieser Schwerpunkt mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengang für einen Großteil der Studierenden zum Pflichtstoff geworden ist. Alle Pädagogikstudierenden, die nicht ins Lehramt streben, müssen das Modul zwingend belegen. Und wer Lehrer werden will, bekommt es unter der Rubrik "Lehren und lernen" quasi als Wahlpflichtfach angeboten.

Immerhin 200 bis 250 angehende Lehrkräfte treffen laut Sielert diese Wahl. Nicht überraschend ist, dass mehr oder weniger alle von ihnen persönlich etwas mit diesem Thema zu tun haben: die Rollstuhlfahrerin, der Schwule, die türkische Abiturientin und oft auch der Arbeitersohn, der es einmal weiter bringen soll als seine Eltern. Diese ohnehin sensibilisierte Klientel hat nach Sielerts Einschätzung grundlegende Lektionen in der Pädagogik der Vielfalt nicht unbedingt am nötigsten.

Neben einer Vorlesung gehört zu dem Modul auch ein Trainingsprogramm, in dem sich die Teilnehmer praktisch und persönlich an die Problematik der Vielfalt herantasten. Geleitet werden diese Programme von ausgebildeten Tutoren, also fortgeschrittenen Studenten. Und die haben erfahrungsgemäß kaum Probleme, ihre Kommilitonen bei ihren eher privaten Seiten zu packen.

»Das ist ganz wichtig, denn wir suchen einen biografischen Zugang«, erläutert Sielert. So gut wie jeder und jede hat nach seiner Überzeugung irgendwann im Leben die Erfahrung gemacht, nicht dazuzugehören. Sich bewusst zu machen, wie sich das angefühlt hat, soll unter den angehenden Lehrern und Pädagogen den Sinn dafür wecken, dass sie es später mit vielen unterschiedlichen Minderheiten zu tun haben werden.

Doch die künftigen Pädagogen, besonders die meist in die Berufsrichtung Schuldienst navigierenden Kinder des Bildungsbürgertums haben ja keine Vorurteile. Tatsächlich? Sielert hat da andere Erfahrungen. Ein beliebtes Kennenlern-Ritual in den Trainingsprogrammen ist es, jemandem in der Runde einen Ball zuzuwerfen, damit er etwas über sich erzählt. Immer außen vor blieb bei einem solchen Treffen ein Teilnehmer mit einer Armlähmung. »Das war keine bewusste Diskriminierung, sondern Unsicherheit«, sagt Sielert. »Die anderen dachten, der Mann könne den Ball wahrscheinlich nicht fangen und wollten ihn nicht bloßstellen.« Ein anderes Beispiel: Fragt ein homosexueller Student, wie sein Nebensitzer wohl reagieren würde, wenn sein Sohn ihm eröffnen würde, dass er auf Jungs stehe, wackelt das Bekenntnis zur Toleranz oft erheblich.

Das ist menschlich, aber nicht professionell. Und eben diese Professionalität ist das eigentliche Ziel der Pädagogik der Vielfalt. Wer im Unterricht zappelt, hat vielleicht ein motorisches Problem oder will einfach nur wahrgenommen werden. Und ein muslimischer Schüler, der seine Lehrerin nervt, verachtet nicht zwangsläufig Frauen, sondern findet womöglich einfach den Unterricht doof.

Weg von der Tafel, stattdessen rein ins Geschehen und den Unterricht in Gruppen aufteilen oder Lernstationen anbieten. Und warum eigentlich nicht ältere Schüler als "Tutoren" einbinden? Das sind für Sielert die Wege, wie Pädagogik auf Vielfalt eingehen kann. Der Hinweis auf viel zu große Klassen wird dabei aus seiner Sicht oft als Totschlag argument missbraucht: »Klassen könnten immer kleiner sein. Aber man muss mit den Verhältnissen umgehen, die man vorfindet.«

Martin Geist
Kulturen nutzen
Etwa 30 Prozent aller Schüler in Deutschland haben ausländische Eltern. Mit dem neuen Projekt LiCAU (Lehramt international an der Christian-Albrechts- Universität zu Kiel) will das Zentrum für Lehrerbildung darauf hinwirken, dass diese Potenziale als Chance begriffen werden und nicht als Problem. LiCAU wendet sich gezielt an Lehramtsstudierende, die selber Wurzeln im Ausland haben und will sie durch Seminare zu Multiplikatoren im späteren Schulalltag ausbilden. Auch sollen einheimische Studierende Gelegenheit bekommen, an den Erfahrungen ihrer aus Zuwandererfamilien stammenden Kommilitonen teilzuhaben. Ansprechen will LiCAU aber auch angehende deutsche Lehrer, die einen Teil ihres Studiums im Ausland verbracht haben und ebenfalls einiges zum Thema Vielfalt zu erzählen haben.
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