Kirche der Zukunft
Pfingsten gilt in der christlichen Tradition als Gründungstag der Kirche. Über ihre Chancen in heutigen Zeiten äußert sich Theologie-Professorin Uta Pohl-Patalong im unizeit-Interview.

Uta Pohl-Patalong Foto: mag
Pohl-Patalong: Ja, ganz bestimmt. Diese Institution hat ja einen Inhalt. Sie widmet sich der Kommunikation des Evangeliums, der Botschaft von Gott und seiner Liebe zu den Menschen. Diese Botschaft den Leuten nahezubringen und erlebbar zu machen ist nach wie vor der wichtigste Inhalt von Kirche.
Trotzdem herrscht der Eindruck vor, dass immer weniger Adressaten diese Botschaft hören wollen.
Das trifft so nicht zu. Tatsächlich ist in Deutschland seit den sechziger Jahren der Gottesdienstbesuch zumindest in der evangelischen Kirche stabil geblieben. Etwa vier Prozent der Gemeindemitglieder sind Sonntag für Sonntag in der Kirche zu finden. Zu Weihnachten schnellt diese Quote auf 35 Prozent hoch, und seit einiger Zeit ist bei Gottesdiensten zu anderen besonderen Anlässen sogar fast so etwas wie ein Boom zu verzeichnen. Bei Einschulungen sind die Kirchen regelmäßig voll, aber auch Himmelfahrts- oder Pfingstgottesdienste unter freiem Himmel sind sehr beliebt. Grundsätzlich erleben wir heutzutage das interessante Phänomen, dass es in der Gesellschaft eine sehr hohe Aufmerksamkeit für Religion gibt, die Kirchen aber zumindest im Alltag trotzdem nicht besser besucht sind.
Wo sehen Sie Ansatzpunkte, um solches Interesse in Teilnahme umzuwandeln?
Die Kirche hat gerade in diesen Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise die Chance zu zeigen, dass die um die Devise "schneller, höher, weiter ..." gestrickten Mottos der modernen Gesellschaft nicht wirklich tragen, dass es noch etwas jenseits dessen gibt, was man messen und zählen kann. Um diese Chance nutzen zu können, muss aber sicher teilweise anders auf die Menschen zugegangen werden, als das bisher der Fall ist.
Was kann die Kirche da besser machen?
Fakt ist zunächst einmal, dass sich das allgemeine Freizeitverhalten und auch der Umgang mit großen Institutionen stark verändert haben. Man beteiligt sich an der Politik eher über Projekte oder Bürgerinitiativen als über Parteimitgliedschaften. Und genauso wendet man sich zunehmend zu besonderen Anlässen oder aus ganz persönlichen Motivationslagen heraus an die Kirche. Die organisatorischen Strukturen haben diesem Wandel aber noch nicht vollständig Rechnung getragen. Im Grunde beruht Kirche noch vielfach auf dem Modell der klassischen Ortsgemeinde aus dem 19. Jahrhundert. Diese Gemeindeform stellte in der industrialisierten Großstadt gewissermaßen einen Ersatz für die verloren gegangene dörfliche Idylle dar. Aus heutiger Sicht bin ich aber der Meinung, dass dies nicht mehr allein das Modell der Zukunft sein kann.
Welches Modell hat mehr Zukunft?
Gerade im städtischen Raum plädiere ich dafür, die frühere Ortsgemeinde durch das zu ersetzen, was ich kirchliche Orte nenne. Diese kirchlichen Orte definieren sich nicht mehr über einen räumlichen Einzugsbereich, in den ihre Mitglieder mehr oder weniger zufällig geraten sind, sondern über Inhalte. Das kann City-Kirchenarbeit in den Zentren der Großstädte bedeuten, wie wir es in Kiel schon in der Nikolai-Kirche haben. Es kann aber auch Krankenhausseelsorge oder das Angebot inhaltlicher Schwerpunkte in Bereichen wie Jugend, Musik, Spiritualität und soziale Arbeit nach Art der Sozialkirche in Kiel-Gaarden bedeuten. Die Menschen müssen dann nicht mehr mit dem vorliebnehmen, was ihre Ortsgemeinde gerade anbieten kann, sondern sie können sich ihren kirchlichen Ort gezielt nach ihren jeweiligen Bedürfnissen aussuchen.
Im Jahr 2030 nimmt die Kirche nach aktuellen Prognosen nur noch ungefähr ein Drittel so viel Kirchensteuer ein wie 1990. Lässt sich das Modell der kirchlichen Orte überhaupt finanzieren?
Natürlich muss man auch aus finanzieller Perspektive auf die Organisationsformen der Kirche blicken, aber das darf nicht die erste, sondern muss die zweite Frage sein. Das System der flächendeckenden Ortsgemeinden ist jedenfalls sehr teuer. Ein Netz von kirchlichen Orten ist wesentlich flexibler, auch kostenmäßig. Noch wichtiger aber scheint mir, in Zeiten finanzieller Probleme nicht nur zu reduzieren, sondern gezielt zu investieren. Die Kirche muss die langfristige Zukunft nicht nur um ihrer selbst als Institution, sondern vor allem um ihrer Inhalte willen im Blick haben. Dafür ist es beispielsweise ganz wichtig, in den Bereich religiöse Bildung zu investieren, in kirchliche Kindergärten und Schulen. Das geschieht teilweise schon, und gerade bei den Schulen ist die Resonanz bei den Eltern enorm. Die Kirche muss sich ihre Zukunft nicht zuletzt durch solche Basisarbeit sichern.
Inwieweit ist die Kirche bereit, sich auf die von Ihnen vorgeschlagenen Veränderungen einzulassen?
Unter den Studierenden ist die Offenheit groß, und ich vertrete meine Thesen auch oft auf Pfarrkonventen und in Synoden. Was die Reformbereitschaft betrifft, betrachte ich die strukturelle Finanzkrise der Kirche jedenfalls als Chance, weil es sonst wesentlich weniger Bereitschaft zur Veränderung gäbe.
Das Interview führte Martin Geist

Leere Kirchenbänke sind die eine Seite, ... (Foto: pur.pur)

... enormer Zuspruch bei besonderen Veranstaltungen wie dem Taizé-Gottesdienst, der sich ausdrücklich an junge Christen wendet, die andere. Foto: Picture Alliance
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität,
presse@uv.uni-kiel.de





