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Nicht jedes Kind, das stottert, braucht eine spezielle Therapie. Oft reichen schon Informationen zum richtigen Umgang mit der Redeflussstörung.

Stottern steht einer großen Karriere nicht unbedingt im Weg. Prominentes Beispiel dafür ist der frühere britische Premierminister Winston Churchill (1874–1965), hier bei einer Rede anlässlich der Karlspreis-Verleiung 1956 in Aachen, links neben ihm Konrad Adenauer. Foto: Picture Alliance
Wodurch das Stottern verursacht wird, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass weltweit etwa ein Prozent der Bevölkerung stottert. Strobl: »Das ist völlig unabhängig von der Kultur, von der Sprachgemeinschaft, vom sozialen Status, vom Familiensystem oder vom Erziehungsstil der Eltern. Stottern hat nichts mit der Intelligenz oder mit der psychischen Konstitution zu tun. Es gibt keine typische Stottererpersönlichkeit.« Sehr viel spricht aber für eine genetische Veranlagung. »Die Zwillingsforschung hat zum Beispiel ergeben, dass bei eineiigen Zwillingen zu 80 Prozent beide stottern, während das bei zweieiigen Zwillingen nur zu höchstens 40 Prozent der Fall ist«, berichtet Oberarzt Dr. Goetz Brademann am Klinikum.
Hinzu kommen weitere Faktoren, die das Stottern auslösen oder aufrechterhalten. Stottern entsteht in einer Phase, in der sich das Kind körperlich, geistig, emotional und sprachlich rasant entwickelt. Ein Erklärungsmodell geht davon aus das Kind überfordert ist, zum Beispiel beim Sprechenlernen. Dazu passt die Beobachtung, dass stotternde Kinder häufiger in der Sprachentwicklung verzögert sind. Auch psychisch belastende Situationen, ein Schulwechsel etwa oder familiäre Probleme, könnten Stottersymptome auslösen. Ansätze zur Prävention gibt es jedoch nicht. Warum im Einzelfall ein Kind stottert, wird man nicht herausfinden. »Es ist nicht sinnvoll, zu sagen, wenn damals nicht das oder jenes passiert wäre, würde mein Kind jetzt nicht stottern«, so Strobl. Das entspringe dem Bedürfnis, eine klare Ursache zu finden. Dies sei aber nicht so einfach.
Ob das Stottern beibehalten wird oder von alleine wieder verschwindet, hängt zum Beispiel damit zusammen, wie das betroffene Kind auf das Stottern reagiert. Scham oder Schuldgefühle sowie negative Reaktion der Umwelt auf das Stottern können aufrechterhaltende Faktoren sein. »Jemand, der sehr perfektionistisch ist, dem eigene kleine Schwächen große Probleme machen, für den ist es viel schwieriger mit dem Stottern umzugehen, als für jemanden, der auch mal fünfe gerade sein lassen kann«, bemerkt Ralf Strobl.
Das eigentliche Problem beim Stottern ist nicht das Kernverhalten, also das Stottern an sich, sondern wie sich Betroffene dabei fühlen und welche weiteren Symptome hinzukommen. Scham und Schuldgefühle, Hänseleien und ungeduldige Reaktionen von anderen können die Sprechstörung aufrechterhalten oder verstärken. Zu einer echten Störung wird es, wenn das Kind sehr unter dem Stottern leidet, wenn es sich besonders anstrengt beim Sprechen und bestimmte Bewegungen macht, zum Beispiel mit den Armen rudert, die Augen verdreht oder blinzelt, um ein Wort herauszubekommen. Diese Mitbewegungen bedingen das verbreitete Klischee eines Stotterers. Strobl: »Mit der Zeit kann es zu ganz fürchterlichen kommunikativen Situationen kommen. Aus einer eigentlich geringfügigen Sprechunflüssigkeit ist ein Riesenproblem entstanden.«
Aber so weit muss es nicht kommen. Es gibt auch Kinder, die ohne Hemmungen munter drauflos stottern. So lange keine Zeichen von Mitbewegungen auftreten und keine psychischen Schwierigkeiten vorliegen, brauchen stotternde Kinder oft keine Therapie. »Ich muss die Eltern beraten, wie sie damit umgehen können. Das heißt nicht, dass sie es leugnen sollen oder ignorieren, sondern sie sollen verständnisvoll und möglichst normal mit der Störung umgehen«, so Strobl. Ob und wann eine Therapie angebracht ist, sollten Eltern und Betroffene mit einem erfahrenen Behandler klären.
Kerstin Nees
Stotternde haben oft große Probleme beim Telefonieren. Wenn Sie eine stotternde Person anrufen oder wenn Sie angerufen werden und zunächst nichts hören, warten Sie geduldig auf einen Beginn des Sprechens. Gerade Begrüßungen oder das Aussprechen des eigenen Namens fallen stotternden Personen häufig sehr schwer.

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Kerstin Nees
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