Singen geht immer
Erfahrungen und Wünsche einer jungen Frau, die seit ihrem vierten Lebensjahr stottert.
»Das Schlimmste beim Stottern ist der Druck.« Was genau Jorina damit meint, können wohl nur diejenigen wirklich verstehen, die wie sie beim Sprechen stottern. »Der Druck entsteht beim Stottern. Der Hals ist angespannt. Das ist wie ein Krampf«, erklärt die 18-jährige Schülerin. Die Muskelanspannung ist auch bei einer Untersuchung des Kehlkopfs zu sehen. Die Stimmbänder stehen still. Vermutlich liegt hier ein motorisches Problem vor, so genau weiß man das nicht. Fakt ist, dass bei allen Menschen das Stimmorgan sehr sensibel auf Stimmungen reagiert. Bei Menschen, die stottern, fällt daher unter Stress das Sprechen besonders schwer.
In einer entspannten Atmosphäre dagegen, beim Gespräch mit Freunden oder der Familie, ist Stottern kein Thema. Und singen geht sowieso. »Beim Singen stottere ich überhaupt nicht. Ich singe zwar nicht so gut, deshalb spiele ich in der Band auch eher Instrumente, aber ich singe gern. Das entspannt.«
Jorina stottert, seit sie vier Jahre alt ist. Da auch der Vater und ein Bruder betroffen sind, kam sie anfangs recht gut klar mit ihrem Handicap. Sie war nicht allein damit. Das Problem war die Schule. »In der 9. und 10. Klasse ging es mir teilweise wirklich schlecht. Beim Referathalten bekam ich richtig Panik, oft wollte ich gar nicht in die Schule gehen. Die Mitschüler waren zum Teil grausam. Einmal habe ich mich freiwillig gemeldet, um etwas vorzulesen. Da meinte ein Mitschüler: "Oh nein, das dauert wieder so lange." Und in dem Moment war es vorbei. Ich habe die ganze Zeit stark gestottert beim Vorlesen, was normalerweise gar nicht mein Problem war. Das sind Sachen, die müssten nicht sein«, sagt Jorina.
Dabei spricht sie ruhig und ohne große Hänger. Die Sprachbehinderung fällt kaum auf. Manche Worte kommen gedehnt, ganz selten wiederholt sie Silben. Die flüssige Sprechweise ist das Ergebnis einer etwa zweieinhalbjährigen Therapie. Mit Hilfe einer auf Stottertherapie spezialisierten Logopädin hat sie eine Technik gelernt, mit Dehnungen das Stottern zu überwinden und diese so genannten Prolongationen auch im Alltag anzuwenden. In der Therapie hat sie sich intensiv mit ihrer Sprechweise auseinandergesetzt, gelernt sie zu verändern und sich gegen das ungute Gefühl abzuhärten, das beim Stottern aufkommt. Flüssig sprechen mit der erlernten Technik ist aber auch harte Arbeit. Die Schwierigkeit ist, sich auf die Technik zu konzentrieren und gleichzeitig auf das, was man sagen möchte. »Bei einer Übung sollte ich jemanden nach der Uhrzeit fragen. Ich habe mich dabei so auf die Frage konzentriert, dass ich hinterher nicht mehr wusste, welche Antwort ich bekam, also wie spät es eigentlich war.«
Heute ist die Situation in der Schule besser, auch bei den Referaten. »Ich habe mittlerweile meinen Weg gefunden, damit klarzukommen. Ich bin mündlich sogar besser als schriftlich. Das freut mich sehr.«
Von ihren Mitmenschen wünscht sich Jorina, die im nächsten Jahr Abitur machen möchte, mehr Respekt. Sie möchte als Mensch mit Sprachhandicap wahrgenommen werden, nicht als Stotterer. Ihre eigene berufliche Zukunft sieht sie optimistisch. »Ich möchte studieren, Psychologie oder Architektur.« Von dem Fach Jura hat sie Abstand genommen, da sie es sich schwer vorstellen kann, als Staatsanwältin zu stottern. »Man wird zwar mit der Zeit selbstbewusster, aber für mich wäre das einfach zu anstrengend, jeden Tag im Job diesen Druck zu haben. Auch Lehrerin zu werden, kam nicht in Frage. Es sagen mir zwar viele, ich kann gut erklären, aber das wäre kein Job, den ich jeden Tag machen möchte. Ich weiß ja, wie Schüler sind, und wenn man dann als Lehrer stottert, das würden sie ausnutzen.«
Kerstin Nees
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