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unizeit Nr. 55 vom 11.07.2009, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Pferdestärken

Es müssen nicht immer Pillen sein. Pferde wissen sich prima mit körpereigenen Helferlein gegen gefährliche Bakterien zu wehren.


Foto: Digital Stock

Der Biologe Dr. Oliver Bruhn vom Institut für Tierzucht und Tierhaltung der Universität Kiel hat sich in seiner im vergangenen Februar vorgelegten Doktorarbeit damit beschäftigt, wie Pferde mit Krankheitserregern zurechtkommen. Im Zentrum seines Interesses stehen dabei die sogenannten Defensine, zu denen er so viel Neues entdeckte, dass Stoff für etliche weitere Forschungsarbeiten entstanden ist.

Defensin klingt nach defensiv und hat tatsächlich allerhand mit Abwehr zu tun. Unter Defensinen verstehen Fachleute Peptide, also kleine Eiweißverbindungen, die im Körper gleichsam wie Antibiotika arbeiten und gefährliche Bakterien vernichten. Der auch Alpha-Defensin genannte Typus DEFA 1, den sich Oliver Bruhn genauer angeschaut hat, bildet beispielsweise Poren in der bakteriellen Membran und bringt die kleinen Plagegeister zum Platzen, noch bevor sie wirklich Schaden anrichten können.

Das an sich ist zwar nicht neu, wohl aber die Tatsache, dass dieses Alpha-Defensin auch im Pferd vorkommt. »Bisher hat man angenommen, dass das nur beim Menschen und bei Nagern der Fall sei«, erläutert Bruhn. Erstaunen löst zudem aus, in welch großer Vielfalt der Stoff bei Pferden vorhanden ist. Während es der Mensch gerade einmal auf sechs und die Maus auf 16 verschiedene Alpha-Defensine bringt, finden sich im Pferd mehr als 30 davon. Und die allesamt im Darm, wo der Mensch nur über deren zwei verfügt. Warum das so ist, darüber lassen sich laut Bruhn derzeit nur »hochspekulative Vermutungen « anstellen. So könnten die Defensine des Pferdes möglicherweise eine bedeutende Rolle bei der bakteriellen Besiedelung des Darmes spielen. Um das genauer herauszufinden, haben die Kieler Tierforscher zusammen mit französischen Kollegen inzwischen einen Forschungsantrag bei der Europäischen Union eingereicht.

Pferde produzieren mehr als 30 verschiedene Eiweißstoffe zur Krankheitsabwehr. Oliver Bruhn analysierte solche Defensine im Labor. Foto: Uni Kiel / Jürgen Haacks

Einiges bekannt ist indes bereits darüber, gegen welche Krankheiten sich Pferde mit Hilfe von Defensinen wehren. Unter anderem handelt es sich um den Erreger Rhodococcus equi, der im Boden lauert, beim Fressen aufgenommen wird und besonders bei Fohlen tödlich wirken kann. Auch die unter Pferdefreunden berüchtigte Druse-Krankheit oder Salmonellen werden mit diesen "körpereigenen Antibiotika".

Keineswegs als Kampf empfunden hat dagegen Oliver Bruhn seine Doktorarbeit. Sie hat ihm nach eigenen Worten sogar »wahnsinnig viel Spaß gemacht«, weil sie ihm Gelegenheit bot, fast nach Herzenslust interdisziplinär zu arbeiten. Alle Arbeiten gingen in enger Kooperation mit dem Biochemischen Institut, der Abteilung Zoophysiologie im Zoologischen Institut und dem Institut für Infektionsmedizin vonstatten.

Fachübergreifende Kompetenzen werden auch vonnöten sein, wenn es um weitere Aspekte dieses Gebiets geht. Zurzeit jedenfalls versucht die Wissenschaft unter anderem zu verstehen, wie der nachweislich vorhandene Einfluss von Nahrungsmitteln oder Nahrungsmittelergänzungen aufs Immunsystem des Menschen auf molekularer Ebene funktioniert. Ob und inwiefern dabei Defensine eine Rolle spielen, darüber lässt sich laut Dr. Bruhn aber frühestens in ein paar Jahren etwas aussagen.

Martin Geist
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