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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 55 vom 11.07.2009, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Per Pille aus dem sozialen Abseits

Damit nicht das ganze Leben um die Sucht kreisen muss, hilft oft nur eins: Methadon.


In Schleswig-Holstein bekommen Drogenabhängige den Heroinersatzstoff Methadon nur in Arztpraxen. Das Programm ist erfolgreich, sofern Süchtige eine gute suchtmedizinische Beratung erhalten und sich den fehlenden "Kick" nicht anderweitig beschaffen. Foto: Picture Alliance

Schon seit vielen Jahren verabreichen Ärzte in Zusammenarbeit mit Therapeuten Heroin­abhängigen ersatzweise Methadon. Doch noch immer ist diese Praxis nicht unumstritten. Und erst recht ist sie erläuterungsbedürftig. Professor Josef Aldenhoff, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, kann solches Unbehagen nachvollziehen: »Es mutet ja zunächst tatsächlich verwunderlich an, wenn man ein Suchtmittel durch ein fast identisches anderes Suchtmittel ersetzt. Da könnte man sich ja beispielsweise auch fragen, warum das nicht mit Alkohol so gemacht wird.«

Gemeinsam haben Alkohol und Heroin jedenfalls die Eigenschaft, dass sie hochgradig abhängig machen können. Aus pharmazeutischer und medizinischer Sicht muss Alkohol jedoch laut Aldenhoff als »relativ toxische Substanz« eingeschätzt werden, die bei chronischer Einnahme vor allem an Leber, Herz, Lunge und Gehirn verheerende Schäden anrichten kann. Heroin dagegen ist »verhältnismäßig wenig toxisch«, betont der Kieler Experte. Wer heroinabhängig ist und stets Stoff von höchster Reinheit zu sich nimmt, schädigt seinen Körper deshalb verhältnismäßig wenig.

In der Realität aber ist der Stoff oft nicht besonders sauber, so dass es zu riskanten Dosisschwankungen kommen kann. Und Heroin ist vor allem illegal. Das macht es zu teurer Schwarzmarktware, die den Süchtigen meist viel mehr Ausgaben abverlangt, als sie durch ehrliche Arbeit verdienen können. Beschaffungskriminalität und Prostitution sind für einen Großteil der Betroffenen die unausweichlichen Folgen. »Die Entzugssymptomatik ist derart quälend, dass die Leute alles tun, um an den Stoff zu kommen«, sagt Professor Aldenhoff. Beim Alkohol ist das nach seinen Worten zwar nicht anders, doch diese Substanz ist eben in jedem Supermarkt für wenig Geld zu haben.

Nicht die Substanz als solche löst demnach das soziale und persönliche Drama der Heroinsucht aus, sondern ihre gesellschaftliche Ächtung. Und genau an dem Punkt setzt die Substitution durch Methadon an. Das vollsynthetische Opioid wirkt fast genauso wie Heroin, hat aber den Vorteil, dass es nicht gespritzt werden muss, sondern in Kapselform eingenommen werden kann. Schon das verhindert von vornherein Infektionen mit HIV, Hepatitis oder anderen gefährlichen Krankheiten.

Wichtiger noch ist aber die Tatsache, dass der Konsum von Methadon durch die orale Einnahme leichter zu steuern ist. Betroffene erhalten auf diese Weise genau die Menge, die sie benötigen, und haben auch die Möglichkeit, ihren Verbrauch kontrolliert zu reduzieren und am Ende womöglich gar ganz einzustellen. »Das ist ein erwünschter Nebeneffekt «, sagt Aldenhoff. Das eigentliche Anliegen der Methadonprogramme sei allerdings, den Betroffenen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen und zugleich der Gesellschaft viele Folgeerscheinungen des illegalen Drogenkonsums zu ersparen.

Gemessen an diesen Kriterien spricht Aldenhoff von »sehr guten Erfahrungen« mit Methadon. Wer auf dieses Mittel eingestellt ist, begeht nach allen vorliegenden Studien keine Verbrechen mehr, wird seltener und weniger ernsthaft krank und ist sozial wesentlich besser integriert. Sogar Suchtkrankheit und Berufstätigkeit lassen sich im Prinzip miteinander vereinbaren, wenngleich die Ersatztherapie unter diesem Aspekt teilweise an ihre Grenzen stößt. Methadon hüllt die Betroffenen ebenso wie Heroin in eine Art emotionalen Wattebausch und führt damit zu einer mit beruflichem Ehrgeiz kaum zu vereinbarenden Antriebslosigkeit.

Auch sonst ist Methadon, das in Schleswig- Holstein nicht von Kliniken, sondern ausschließlich von niedergelassenen Ärzten verabreicht werden darf, trotz aller Vorzüge nicht das reinste Wundermittel. Die positiven Wirkungen stellen sich nur dann ein, wenn eine gute suchtmedizinische Beratung und eine Kontrolle des Beikonsums an Alkohol, Medikamenten oder Heroin gewährleistet ist und den Süchtigen immer wieder die Option des völligen Ausstiegs eröffnet wird. Sind diese Voraussetzungen aber erfüllt, dann gibt es nach Aldenhoffs Überzeugung kaum einen anderen Weg, um den Süchtigen wie der Gesellschaft viel unnötiges Leid zu ersparen.

Ähnlich undogmatisch beurteilt der Kieler Arzt den Ende Mai vom Bundestag gefassten Beschluss, wonach Schwerstabhängige künftig Heroin auf Krankenschein erhalten können. Für ihn hat dieser Schritt mit einer allgemeinen Freigabe von Heroin nichts zu tun. In bestimmten Fällen ist es aber »durchaus sinnvoll«, weil Methadon nicht bei allen Süchtigen die erwünschte Wirkung zeigt. Schlecht kommen mit dem Ersatzstoff vor allem diejenigen zurecht, denen dann der "Kick" beim Spritzen abgeht. Für diese Personen kann es nach Aldenhoffs Meinung allemal sinnvoller sein, ihnen den Originalstoff unter strikter ärztlicher Aufsicht zu verabreichen, statt sie dauerhaft ins soziale Abseits zu drängen.

Martin Geist
Wirkung im Gehirn
Methadon ist so etwas wie der vollsynthetische Zwilling des halbsynthetischen Heroins. Beide Substanzen wirken im Gehirn, wo sie dieselben Rezeptoren besetzen und vorübergehend eine euphorisierende Wirkung entfalten. Zur Substitution von Heroin wird Methadon in Deutschland seit ungefähr 20 Jahren eingesetzt.

Verglichen mit dem Suchtmittel Alkohol spielen Heroin und sein Ersatzprodukt zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle. In Deutschland leben schätzungsweise drei Millionen Alkoholkranke. Ihnen stehen ungefähr 150.000 Heroinabhängige gegenüber, von denen ungefähr die Hälfte Methadon zu sich nimmt. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums lag die Anzahl der Menschen, die 2007 durch den Konsum illegaler Drogen gestorben sind, bei knapp 1400. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren schätzt indes die Zahl der allein durch Alkohol oder durch die Verbindung von Alkohol und Tabak hervorgerufenen Todesfälle in Deutschland auf jährlich mehr als 70.000.
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