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unizeit Nr. 55 vom 11.07.2009, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Kleine Schritte

Ein Seminar in der Islamwissenschaft untersucht Vorurteile und Klischees zur weiblichen Rolle im Islam.


Im Iran eine kleine Sensation: Vor drei Jahren durfte erstmals seit 27 Jahren die Frauen-Nationalmannschaft im eigenen Land spielen – angefeuert von 1000 ausschließlich weiblichen Zuschauerinnen. Foto: Picture Alliance

Würde man auf der Straße gefragt, was man mit "Frau und Islam" verbinde, müsste man wohl nach kurzem Nachdenken zugeben: Kopftücher und Ehrenmorde. Damit zumindest Studenten der Islamwissenschaften so stereotype Vorstellungen aufbrechen können, bietet Doktorand Florian Remien derzeit das Seminar "Geschlechterbeziehungen und Feminismus in der islamischen Welt" an.

Auch über die Sure 4,34 werden sie sprechen: »Und wenn ihr fürchtet, dass Frauen sich auflehnen, dann ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!« Dieser Vers ist in Teilen der muslimischen Welt beliebt, um die Verfügungsgewalt der Männer als von Gott gewollt zu rechtfertigen. In der westlichen Welt wird er zitiert, um die Frauenfeindlichkeit des Islam zu zeigen. Nur sind koranische Verse – ebenso wie biblische Verse – interpretationsbedürftig, und das Ergebnis hängt nicht zuletzt vom Interesse des Interpreten ab. Professor Lutz Berger vom Seminar für Orientalistik, erläutert: »Der Islam wird und wurde fast ausschließlich von Männern ausgelegt. Von Männern, die in Ländern mit starken patriarchalischen Traditionen leben, in Staaten, die zumindest teilweise autokratisch geführt werden, in denen generell viel Unfreiheit herrscht.«

Kaum eine andere Textstelle zeigt sich so frauenfeindlich wie die genannte Sure. »Im Gegensatz zur vorislamischen arabischen Welt, in der Mädchen nach der Geburt getötet werden durften und Frauen insgesamt einen rechtlich wohl eher prekären Status hatten, wurden ihnen im Koran eigene Rechte zuerkannt«, erklärt Remien. Gerade die Frauen des Propheten Mohammed handelten auffallend eigenständig: Die erste Ehefrau Khadidscha unterhielt als Geschäftsfrau Handelskarawanen, die dritte Ehefrau Aisha engagierte sich politisch. »Solche starken Frauen kann man in fast jeder Zeit nachweisen«, sagt Remien. Manchmal wurden sie sogar von Männern unterstützt. Aufsehen erregte 1899 "Die Befreiung der Frau" von dem ägyptischen Denker Qasim Amin, der sich gegen die Polygamie wandte und den Schleier als Zeichen dafür sah, dass vielleicht Männer doch das schwächere Geschlecht seien, wenn es ihnen nicht gelänge, sich bei der Betrachtung einer unverschleierten Frau zu beherrschen.

Die feministische Gegenbewegung ist auch heute noch in der Minderheit, aber es gibt sie: die "Sisters in Islam", die in Malaysia seit 20 Jahren für Frauenrechte kämpfen. Die ägyptische Journalistin Nahed Selim, die in ihrem Buch "Nehmt den Männern den Koran – Für eine weibliche Interpretation des Islam", eine explizit feministische Koranauslegung betreibt. Oder die marokkanische Ärztin Asma Lamrabet, die vor fünf Jahren in Rabat den "Arbeitskreis für Frauenfragen und interkulturellen Dialog" gründete. Sie befürwortet, was sich viele islamische Feministinnen wünschen: nicht die Abkehr vom Islam, sondern einen "Dritten Weg" zwischen religiösem Fanatismus in der eigenen und zunehmender Ablehnung in der westlichen Welt. Universale Ethikvorstellungen sollen sich auf diesem Weg mit humanitären Idealen des Islam mischen.

Ein islamisches Land, die Türkei, war sogar einmal Vorreiter, was Frauenrechte angeht. Atatürks Umwälzungen, seine Ablehnung des Islam, machten es möglich, dass 1935 Frauen mehr als vier Prozent der Sitze der Türkischen Großen Nationalversammlung inne hatten. Einen besseren Schnitt konnte damals weltweit nur Finnland bieten. Die Türkei zeigt sich zwar immer noch liberal, doch gibt es ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Da, wo die Bildung geringer und die Umgebung ursprünglicher sind, kann durchaus noch passieren, was in anderen islamischen Ländern gang und gäbe ist, die Zwangsverheiratung beispielsweise. Die ist nach islamischem Recht eigentlich nicht gestattet, wird aber in der Realität durch familiären und sozialen Druck teilweise praktiziert. Hier machte im letzten Jahr ein kleiner Lichtblick von sich reden: Während in Saudi Arabien, wo Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen, einem achtjährigen Mädchen die Scheidung von einem 50 Jahre älteren Mann verwehrt wurde, konnte sich ein ebenso junges Mädchen in Jemen im selben Jahr durchsetzen.

»Eine spannende Frage, ob solche Fälle eine Öffentlichkeit finden und Impulse zur Entstehung von Frauenrechtsbewegungen geben könnten«, sagt Remien. »Es ist einiges im Fluss. Die jungen Frauen beispielsweise in Saudi-Arabien sehen ja auch fern, sie verreisen und nutzen das Internet – anders als vor 30 Jahren«, sagt Remien. Sie sehen, dass es andere Welten als die ihre gibt. Und sie sehen da Lebensumstände, die zwar teilweise abschreckend auf sie wirken, aber auch solche, die den Wunsch nach Änderung und Stärkung der eigenen Position wecken. Und immerhin gibt es inzwischen auch im Islam weibliche Stimmen, die gehört werden. »Das ist ein Prozess, der nicht mehr aufzuhalten ist«, sagt Remien.

Jana E. Seidel
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