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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 55 vom 11.07.2009, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Globalisierung der Mundart

Wie spricht der Norden? Gründlicher denn je suchen Sprachforscher nach Antworten auf diese Frage.


Nördlich der hier eingezeichneten Benrather Linie wird Norddeutsch gesprochen. Quelle: Willy Sanders: Sachsensprache, Hansesprache, Plattdeutsch. Göttingen 1982

Bei Weitem nicht alles, was sich norddeutsch nennt, klingt auf gleiche Weise norddeutsch. Da wandelt sich der "Tag" zum "Tach", das "Glas" zum "Glass" oder der "Kaffeee" zum "Kaffe" mit halb verschlucktem Endvokal.

All das und noch unendlich viel mehr vollzieht sich nördlich der nach einem heutigen Stadtteil von Düsseldorf benannten Benrather Linie, der südlichen Linie des norddeutschen Sprachraums. Diese Grenze wird nach den Worten des Kieler Germanisten Professor Michael Elmentaler etwas weniger offiziell auch als "Maken-Machen-Linie" bezeichnet, weil sie den Sprachraum definiert, in dem unter anderem das alte germanische "k" dem sprachgeschichtlich neueren "ch" beharrlich trotzt.

Bereits seit Februar 2008 und noch bis Anfang 2012 schauen Sprachwissenschaftler der Uni Kiel im Verbund mit Kolleginnen und Kollegen aus Münster, Bielefeld, Hamburg, Potsdam und Frankfurt/Oder dem norddeutschen Volk ganz genau aufs Mundwerk. "Sprachvariation in Norddeutschland" lautet dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt.

Doch das ist nur der theoretische Rahmen für die Sprachforscher, die im gesamten Raum vom Niederrhein bis nach Vorpommern und von Ostfriesland bis nach Schleswig und Dithmarschen nachvollziehen wollen, wie und wo sich die Sprechweise der Menschen verändert. Genauso interessieren sie sich für das, was man als die Globalisierung im Kleinen bezeichnen könnte. Verändert womöglich das allgegenwärtige, mehr oder weniger reine Hochdeutsch die Sprechweise auch in Landstrichen, wo das Niederdeutsche eigentlich noch eine feste Größe ist? Und wenn ja, zeigt sich das in allen Lebenslagen oder nur in bestimmten Situationen?

Um das herauszufinden, bedient sich Professor Elmentaler, der bei dem Projekt von den Lehrstuhlmitarbeitern Liv Andresen und Robert Langhanke sowie der speziell dafür eingestellten Germanistin Viola Wilcken unterstützt wird, eines ausgetüftelten Instrumentariums. Im Raum Schleswig und ebenso in Dithmarschen und am südlichen Nieder rhein interviewen sie zahlreiche durchweg weibliche, zwischen 40 und 55 Jahre alte Freiwillige zu ihrer Sprechpraxis. Doch dabei bleibt es nicht. Die Frauen lesen außerdem hochdeutsche Texte vor und äußern sich in kurzen freien Erzählungen über ihren Urlaub oder andere unverfängliche Themen.

Das methodische Sahnehäubchen des Projekts ist aber ein Element, das man als linguistisches Kaffeekränzchen bezeichnen könnte. Über zwei Stunden und mehr setzen sich dabei die Teilnehmerinnen und ihre Angehörigen an einen Tisch und unterhalten sich bei Kaffee und Kuchen so, wie das zu solchen Anlässen immer und überall geschieht. Der einzige Unterschied besteht darin, dass im Wohnzimmer ein Gerät steht, das die Gespräche aufzeichnet. »Wir stellen die Technik nur hin und gehen dann spazieren«, erläutert Viola Wilcken die Methode. Ohne den störenden Einfluss von Fremden und auch dank einer Art Kontrolle durch die Verwandten, denen ein gekünsteltes Daherreden sofort auffallen würde, erhoffen sich die Germanisten besonders wirklichkeitsnahe Stichproben.

Die haben sie bereits zu einem erheblichen Teil im Kasten. Von geplanten 160 Aufnahmen im gesamten Untersuchungsgebiet sind nach Angaben von Professor Elmentaler inzwischen etwa 80 Prozent eingespielt. »Damit geht die Arbeit aber im Grunde erst richtig los«, erklärt der Spezialist fürs Niederdeutsche. Auszugsweise werden die Sprechproben gegenwärtig in Schriftform gebracht, um dann am Ende in einem aufwändigen Prozess anhand standardisierter Kriterien ausgewertet zu werden.

Viel zu früh ist es zwar noch für wissenschaftlich wirklich belastbare Aussagen, doch einige Trends deuten sich laut Elmentaler schon an. So zeigen sich je nach spezieller Situation große Unterschiede in der Sprechweise der Frauen. Im eher offiziellen Rahmen des Interviews wird Hochdeutsch gesprochen, während im Familienkreis der niederdeutsche Dialekt viel stärker zum Vorschein kommt. Allgemein scheint aber der Einfluss der Mundart tatsächlich zu schwinden. Hochdeutsch in Reinkultur wird nach Einschätzung von Elmentaler dabei zwar nicht herauskommen, wohl aber eine Art neue Regionalsprache, die in gewissermaßen geglätteter und um viele örtliche Besonderheiten ärmerer Form daherkommt.

Martin Geist
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