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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 55 vom 11.07.2009, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Stadt, Land, Flucht

Das Häuschen im Grünen ist nicht für jede Familie die ideale Wohnform. Städteplaner sind gut beraten, für familientauglichen Wohnraum in der Innenstadt zu sorgen. Die Nachfrage dafür ist vorhanden.


Ein Reihenhaus am Stadtrand bietet meist mehr Wohnraum, Aber auch das städtische Wohnen hat seinen Reiz für Familien. Foto: Digital Stock

Die Tendenz, ins Umland zu ziehen, ist bei Familien nach wie vor groß. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung, Experten nennen sie Reurbanisierung, die Wiederentdeckung der Urbanität. Auch Eltern mit Kindern schätzen zunehmend die Vorzüge des städtischen Wohnens. »Das sind nicht etwa Menschen mit einem extrovertierten Lebensstil, die gern in Kneipen oder Bars gehen, sondern eher häusliche Personen«, hat Katrin Sandfuchs in ihrer Promotion am Lehrstuhl für Stadt- und Bevölkerungsgeografie (Leitung: Professor Rainer Wehrhahn) festgestellt. In elf Neubaugebieten von Hannover mit insgesamt 681 Wohneinheiten – Reihen- und Einfamilienhäuser sowie Geschosswohnungen – erhob die Kieler Geografin mit Fragebogen und in persönlichen Interviews, warum die Bewohner sich für das städtische Wohnen entschieden hatten und wie sie lebten. Die Gebiete lagen sehr zentral, die meisten in einem Radius von zwei Kilometern um den Hauptbahnhof. Sie wählte als Untersuchungsort Hannover, weil es dort, anders als etwa in Kiel, größere Neubauprojekte im Innenstadtbereich gab.

Statt des erwarteten Yuppie-Lebensstils fand sie einen eher suburban geprägten Lebensstil vor. Die Kontakte mit den Nachbarn werden intensiv gepflegt. Klatsch und Tratsch gehören genauso dazu wie etwa gemeinsames Grillen oder der Austausch von Kinderkleidung. Sandfuchs: »Die Nachbarschaftsstruktur gestaltet sich in den städtischen Neubaugebieten, wie man es von klassischen Familiengebieten außerhalb der Stadt beobachet.«

Für das Wohnen in der Stadt waren pragmatische Gründe entscheidend. Ein Argument sind die kurzen Wege zu allen wichtigen Bereichen des Lebens. »Für mich ist wichtig, dass ich schnell an vielen wichtigen Punkten in einer kurzen Zeit bin, und es auch leicht ist, dorthin zu kommen«, zitiert Sandfuchs eine 29-jährige Bewohnerin. »Man kann das Leben hier effektiver organisieren«, so ein 34-jähriger Bewohner. Das "kindbedingte" Pendeln, "der ganze Transportzirkus", wie es ein Vater ausdrückt, reduziert sich erheblich. Mindestens genauso wichtig ist aber auch das größere Angebot an außerschulischer Bildung und Freizeitbetätigung. Sandfuchs: »Über 50 Prozent der von mir untersuchten Bewohner haben einen Hochschulabschluss, meist gehen beide Elternteile einer Erwerbstätigkeit nach. Weil sie einen hohen Bildungsstand haben, möchten sie den auch an ihre Kinder weitergeben. Das lässt sich nach Meinung der Bewohner auf dem Land nur schwer realisieren.« Englisch im Kindergarten, Geigenunterricht am Nachmittag oder Hockey- und Judotraining für den sportlichen Ausgleich – dem Nachwuchs sollen alle Möglichkeiten offenstehen.

Zentrumsnähe. Foto: pur.pur

Für die Stadt sind diese Familien ein Gewinn, und das nicht nur wegen der zusätzlichen Steuereinnahmen. Die Generationenvielfalt belebt die Innenstadt. Dem stimmt auch Kiels Bürgermeister Peter Todeskino zu: »Junge Menschen sind die Zukunft der Stadt. Wir haben den Anspruch, kinderfreundliche Stadt zu sein. Das heißt, wir müssen auch Räume für Familien mit Kindern schaffen.«

Doch daran mangelt es im Zentrum der Stadt. Die Einwohnerzahl in Kiel ist zwar im ver­gangen Jahr gewachsen, aber für Familien mit Kindern gibt es in den zentralen Innenstadt­bereichen nicht genügend Wohnungen. »Deswegen soll der Parkplatz "Alte Feuerwache" in der historischen Altstadt so bebaut werden, dass auch familiengerechtes Wohnen ermöglicht wird. Das Umfeld ist wunderbar dafür geeignet, so der Kieler Stadtbaurat. Der städtebauliche Wettbewerb für dieses Projekt hat den Rahmen vorgegeben. Jetzt geht es darum, Investoren zu finden, die die konkrete Bauaufgabe erfüllen.

Interessenten gibt es genug, meint Katrin Sandfuchs. »In den von mir untersuchten Wohngebieten war die Nachfrage höher als das Angebot. Bereits vor der Fertigstellung waren die Häuser fast alle verkauft.« Voraussetzung ist allerdings, dass die Bauvorhaben auch die Bedürfnisse der Familien erfüllen. »Sie sollten zentral und gleichzeitig ruhig liegen und möglichst in sich geschlossen sein«, so die Geografin. »Auch eine homogene Bauweise wurde als positiv bewertet. Dadurch wird es ruhiger in der Stadt, wo drum herum viel Unruhe ist.«

Übrigens muss das Wohnen in der Stadt nicht automatisch teurer als im Umland sein. Familien, die es in die Stadt zieht, nehmen eine kleinere Wohn- und Grundstücksfläche in Kauf, während im Umland meist großzügiger gebaut wird. Außerdem fallen weniger Kosten für Fahrten zur Arbeit oder das Chauffieren der Kinder an. Tatsächlich werden die Fahrtkosten aber nicht einkalkuliert, so ein weiteres Ergebnis der Fragebogenerhebung. Der Wegfall der Pendlerpausschale oder gestiegene Benzinkosten seien bei der Wahl des Wohnstandorts für die meisten nicht relevant gewesen.

Kerstin Nees
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