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Nr. 55, 11.07.2009  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Fußnoten schreiben

Scheinbar einfache und nebensächliche Tätigkeiten sind eine Wissenschaft für sich.


Foto: pur.pur

1745 erschienen "Hinkmars von Repkow: Noten ohne Text". Der Autor, der freilich anonym bleiben wollte, war Gottlieb Wilhelm Rabener. Dieser scheinbare "Ausbruch" von Gelehrsamkeit in einem Jahrhundert, das die Fußnote auch als hohe literarische Kunst schätzte, besteht nur aus Anmerkungen. Rabener parodiert damit eine Textgattung, auf die manche Leser regelrecht allergisch reagieren: die Fußnote, die bis zu diesem Zeitpunkt bereits eine Geschichte von rund 200 Jahren hinter sich hat und zu den wichtigsten Erfindungen des Buchdrucks gehört. Vor allem aber illustrieren die satirischen "Noten ohne Text" geistreich, dass die Fußnote eine eigenständige Gattung ist, die auf einer speziellen Haltung und Einstellung ihres Autors fußt.

Füße konnten noch nie mit Herz oder Kopf erfolgreich darum konkurrieren, die wichtigsten Teile des menschlichen Körpers zu sein. Gleichwohl kommt ihnen eine tragende Rolle zu. Entsprechend verhält es sich bei wissenschaftlichen Texten: Ohne Fußnoten fehlt ihnen etwas – meist die Wissenschaftlichkeit. Fußnoten stellen entscheidend den Bezug zum Forschungsprozess her, stehen für den Anspruch auf Überprüfbarkeit und signalisieren eindringlich, dass ein Autor seinen Beitrag der Wissenschaft zurechnet. Fußnoten sind also nicht bloß das beiläufige Fußvolk der Wissenschaft, sondern das entscheidende Signum für die Redlichkeit, für die Gewissenhaftigkeit und für das Wissen des Autors: Mit ihnen steht oder fällt der Haupttext.

Klug komponierte Fußnoten entlasten den Haupttext und machen ihn zugleich gewichtiger: Sie befreien ihn von Erläuterungen, Danksagungen, beiläufigen Bewertungen oder zusätzlichen Bemerkungen. Sie laden ihn mit der Gravität und Dignität von Autoritäten auf und dokumentieren mit exquisiten Literaturhinweisen die Kenntnisse des Autors. Über Fußnoten tritt der Verfasser ins Gespräch mit den Spezialisten seines Themas und verschafft sich jene Autorität, die es seiner Arbeit ermöglicht, selbst wieder Gegenstand von Wissenschaft und Fußnoten zu werden. Sie sind der Ort einer permanent mitlaufenden Selbstbeobachtung des Wissenschaftlers.

Über das stil- und sachgerechte Setzen und Verfassen von Fußnoten entscheidet jenseits der Konvention von Zitiervorschriften vor allem die Kreativität des Autors. Die Kunst der Fußnote besteht darin, im Dialog mit dem Kopftext eine zweite Stimme sprechen zu lassen. Die Stimmen aus Kopftext und Fußnote kommentieren sich gegenseitig. Gelingt dies, dann gilt die Feststellung "Geisteswissenschaft ist Fußnotenwissenschaft" (Ludger Lütkehaus) auch im umgekehrten Sinn.
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