Wirkt, wirkt nicht, wirkt ...
Pharmakologen können anhand von Gentests vorhersagen, ob bestimmte Arzneimittel im Einzelfall wirken. Ihr Einsatz könnte unnötige Therapien vermeiden.

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Kleinste Veränderungen im Erbgut können die Reaktion auf ein Arzneimittel erheblich beeinflussen, indem sie zum Beispiel den Auf- und Abbau der Substanzen im Körper beeinträchtigen. Viele der relevanten Genvarianten sind mittlerweile bekannt. Doch gezielt danach gesucht wird nur in sehr seltenen Fällen. In der täglichen Behandlung spielt die Berücksichtigung individuell unterschiedlicher Reaktionen auf Arzneimittel bislang kaum keine Rolle. Angebracht wäre das in einigen Fällen aber durchaus, meint Cascorbi, »zum Beispiel bei Medikamenten, die erst im Körper aktiviert werden.« Hierzu zählt das Schmerzmittel Codein. Bevor Codein die schmerzlindernde Wirkung entfalten kann, muss es von einem Enzym der Leber in die wirksame Form, das Morphin, überführt werden. Etwa jeder 12. Deutsche ist dazu jedoch nicht in der Lage, weil er dieses Enzym, Cytochrom P450 2D6 (kurz CYP2D6), nicht produziert. Das ist im Fall von Codein nicht so gravierend. Denn jemand, der Schmerzen hat, wird schnell merken, dass das Mittel nicht wirkt, und ein anderes nehmen. Anders ist die Situation bei Tamoxifen, das wie Codein erst im Körper in die aktive Form umgewandelt wird. Tamoxifen, ein Antiöstrogen, erhalten viele Frauen nach einer Brustkrebsoperation über mehrere Jahre, um einen Rückfall zu verhindern.
»Sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung sind nicht in der Lage, Tamoxifen zu aktivieren«, erklärt Professor Ingolf Cascorbi. »Diese Frauen haben nur einen geringen Nutzen von der Therapie und damit ein höheres Rückfallrisiko.« Dass sich die genetisch unterschiedliche Enzymausstattung tatsächlich in der Prognose der Patientinnen niederschlägt, wurde mittlerweile in mehreren Studien nachgewiesen. Für Cascorbi steht damit fest: »Eine Genotypisierung von CYP2D6 ist vor einer Tamoxifentherapie unbedingt anzuraten.«
Ebenso sinnvoll wären Gentests vor einer Behandlung mit Clopidogrel. Der Wirkstoff – ein Thrombozytenaggregationshemmer – verhindert das Zusammenkleben von Blutplättchen. Vor allem Patienten, denen aufgrund verengter Herzkranzgefäße ein Stent (Gefäßgerüst) eingesetzt wurde, erhalten die Substanz, um einen erneuten Gefäßverschluss zu verhindern. »Etwa drei Prozent der Bevölkerung haben das Enzym nicht, das Clopidogrel in eine wirksame Form überführt, so dass es nicht wirken kann.« Das Risiko eines Herzinfarkts ist bei ihnen deutlich erhöht. Ein Gentest könnte hier Klarheit schaffen und etliche Patienten vor einer überflüssigen Langzeittherapie bewahren.
Stoffwechsel und Transport von Medikamenten unterliegen aber nicht nur dem Einfluss der Gene. Ähnlich bedeutsam sind andere Medikamente, die gleichzeitig eingenommen werden. So verträgt sich Clopidogrel nicht mit Omeprazol, das die Magensäureproduktion unterdrückt. Bei gleichzeitiger Gabe beider Mittel wird Clopidogrel kaum aktiviert. Cascorbi: »In einer vor kurzem veröffentlichten Studie wurde nachgewiesen, dass Patienten, die neben Clopidogrel auch Omeprazol erhielten, tatsächlich schlechter dastehen, als andere, die das nicht bekamen. Darunter waren auch Patienten, die einen Infarkt erlitten haben.« Dieses Risiko ließe sich vermeiden, indem die Patienten ein anderes Mittel zum Magenschutz erhielten. Eigenmächtig sollten sie die Therapie aber nicht umstellen.
Da sehr viele Arzneimittel miteinander in Wechselwirkung stehen, sollten Patienten, wenn der Arzt ein neues Medikament verschreibt, grundsätzlich alle Mittel nennen, die sie einnehmen, auch solche, die harmlos erscheinen. »Gerade auch pflanzliche Präparate wie Johanniskraut können Transport und Stoffwechsel von anderen Medikamenten erheblich stören«, warnt Cascorbi.
Kerstin Nees
Abbau in der Leber
Eine zentrale Rolle beim Stoffwechsel vieler Arzneistoffe spielen die Leberenzyme der Cytochrom-P-450-Familie. Von den einzelnen Enzymen dieser Familie gibt es genetische Varianten, die zum Beispiel den Arzneistoffwechsel beschleunigen oder verlangsamen können. Ein verlangsamter Abbau führt dazu, dass der Stoff sich anreichert und Beschwerden macht. Erfolgt der Abbau dagegen sehr schnell, bleibt zu wenig des Wirkstoffs im Blut, und die Wirkung bleibt aus. Bekannt und gut charakterisiert sind genetische Varianten vor allem für die Enzyme CYP2D6, CYP2C19 und CYP2C9. CYP2D6 ist eines der wichtigsten Enzyme für den Umgang des Körpers mit Fremdsubstanzen. 20 bis 30 Prozent der gebräuchlichsten Arzneistoffe benötigen es.
Bereits lange bekannt ist der genetisch bedingte Mangel des Enzyms Alkoholdehydrogenase. Dieses Enzym sorgt für den Alkoholabbau in der Leber. Vor allem in der asiatischen Bevölkerung ist dieser Enzymmangel verbreitet. Daher reagieren viele Chinesen und Japaner bereits auf kleinste Alkoholmengen sehr empfindlich.
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Bereits lange bekannt ist der genetisch bedingte Mangel des Enzyms Alkoholdehydrogenase. Dieses Enzym sorgt für den Alkoholabbau in der Leber. Vor allem in der asiatischen Bevölkerung ist dieser Enzymmangel verbreitet. Daher reagieren viele Chinesen und Japaner bereits auf kleinste Alkoholmengen sehr empfindlich.
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