Im Namen der Demokratie
US-amerikanische Psychologen entwickeln neue Foltermethoden, um terrorverdächtige Gefangene zu verhören und ihren Willen zu brechen. Die Auswirkungen stehen denen der körperlichen Folter in nichts nach.

Bewaffnete US-Soldaten bringen verhaftete Iraker gefesselt und mit Säcken über dem Kopf zum Verhör. Das sieht relativ harmlos aus, ist aber psychisch extrem belastend und trägt dazu bei, die Gefangenen mürbe zu machen. Foto: Picture Alliance
»Für vereinzelt bekannt gewordene Folterskandale hat man schwarze Schafe unter den Soldaten und Gefängniswärtern gefunden. Dass ein System hinter diesen Vorkommnissen steckt, ist dabei den wenigsten bewusst«, erklärt Professor Rainer Mausfeld vom Institut für Psychologie. Schilderungen von Gefangenen wie Mohamed al-Kahtani, laut US-Verteidigungsministerium Beteiligter am Attentat des 11. September, sind erschreckende Zeugnisse dieses Systems. Wie er berichtet, saßen die Terrorverdächtigen tagelang in engen Kisten, die sie in die Embryonalstellung oder zum Stehen zwangen. Bis zu acht Mal pro Tag erlebten sie den Beinahe-Tod durch Ertrinken, während sie einer Dauerbeschallung mit Lärm ausgesetzt waren. Sie mussten sich vor weiblichen Gefängniswärtern nackt ausziehen, in Dessous posieren und auf den Koran urinieren. Für die häufig zutiefst gläubigen Menschen bedeutete dies nicht nur eine schwere sexuelle sondern auch eine kulturelle Erniedrigung.
Diese und viele andere "innovative Verhörmethoden" werden Weiße Folter genannt, denn sie hinterlassen keinerlei körperliche Male. Eine Verbindung dieser Techniken ist sehr viel wirksamer als physische Folter, wenn es darum geht, den Willen eines Menschen zu brechen. Mausfeld: »Die meisten Menschen unterschätzen gravierend, was es bedeutet, diese Methoden in Kombination anzuwenden. Innerhalb von 48 Stunden lässt sich jeder Mensch in eine schwere Psychose treiben. Niemand kann solche Maßnahmen ungeschädigt überstehen, denn sie zerstören nicht den Körper eines Menschen, sondern seine Seele.« Die Ergebnisse der Befragungen sind zudem kaum verwertbar. Viele Gefangene wie al-Kahtani gestehen alles, um weiterer Folter zu entgehen.
Die Dokumentationen der angewendeten Verhörmethoden sind zahlreich und vielfältig. Offizielle Protokolle und inoffizielle Film- und Photoaufnahmen schildern in nüchternen Worten und stummen Bildern die "optimale" Anwendung unsichtbarer Foltermethoden, wie sie in geheimen Verhörhandbüchern gelehrt werden. Autoren sind in der Regel Militärpsychologen der APA (American Psychological Association), der größten Organisation von Psychologen weltweit. Die APA rechtfertigt sich, indem sie den Schutz der Nation über das Wohl eines Einzelnen stellt. »Diese Argumentation ist seit den Nürnberger Prozessen ein gravierender Verstoß gegen die Ethik von Heilberufen. Staaten, die nicht auf das Machtinstrument der Folter verzichten wollen, versuchen daher, das Verbot durch eine enge Definition von Folter zu unterlaufen«, so Mausfeld weiter. Das heißt, dass sie nur extremste körperliche Schädigungen als Folter verstehen. Neben Streckbank und Nagelbett wirkt langes Stehen oder "ein bisschen laute Musik" tatsächlich eher harmlos. Eine gefährliche Selbsttäuschung, durch die Bevölkerung und Psychologen die Gefahren von Weißer Folter massiv unterschätzen. »Foltern tun immer die Anderen. Wir wenden nur besondere Mittel an, um den Frieden zu verteidigen«, berichtet Mausfeld über die Denkweise seiner amerikanischen Kollegen.
Neue Hoffnung setzt der Kieler Psychologe aber nicht allein in den US-Präsidenten Barack Obama oder die kürzlich eingesetzte Sonderkommission des Justizministeriums. Mausfeld: »Die Verschleierung der Weißen Folter im Irak und in Guantánamo Bay war nur möglich, weil wir allzu bereit sind, wegzuschauen und zu vergessen. Nur durch eine wache Gegenöffentlichkeit können wir uns davor schützen, dass nicht bei nächster Gelegenheit der Schutz und die Menschenwürde des Einzelnen wieder dem vermeintlich übergeordneten Interesse des Staates zum Opfer fallen.«
Claudia Eulitz
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