Geduldige Versicherte
Ist Deutschland auf dem Weg zur Zweiklassenmedizin? Einiges deutet zumindest darauf hin.

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Zu dieser Erklärung passen auch die um einiges stärker ausgeprägten Wartezeiten nach dem Betreten der Praxis. Privat Versicherte dürfen durchschnittlich schon nach 21 Minuten Herrn oder Frau Doktor die Hand schütteln, Mitglieder einer gesetzlichen Krankenversicherung erst nach 32 Minuten. Auch zeigt sich laut Schellhorn, der sich in seiner Studie an die Daten von 3000 Patientenbefragungen innerhalb des alljährlichen Gesundheitsmonitors der Bertelsmann-Stiftung gehalten hat, dass eine höhere Bildung tendenziell schnellere Behandlung bedeutet. »Möglicherweise können gut Gebildete in der Praxis besser deutlich machen, wie dringend ihr Anliegen ist«, vermutet der Kieler Gesundheitsökonom.
Als wirkliche Hinweise auf eine mögliche Zweiklassenmedizin wertet Schellhorn solche Unterschiede jedoch nicht. Es handelt sich aus seiner Sicht eher um eine »Frage des Komforts« als um ein Kriterium zur Bewertung der Versorgungsqualität.
Gravierend werden die Ungleichheiten ohnehin erst in der Praxen der Fachärzte. 10,5 Tage warten im Mittel Kassenpatienten auf einen Termin bei Augenarzt und Co., lediglich 4,5 Tage müssen sich die private Versicherungen gedulden.
Betriebswirtschaftlich liegen die Gründe für die Mediziner auf der Hand. Privatpatienten bringen gegenüber Kassenpatienten ein Mehrfaches an Honorarsätzen ein und werden deshalb entsprechend umhegt. Dass die gesetzlich Versicherten deswegen medizinisch schlechter behandelt werden, weisen jedoch nicht nur die Ärzteverbände vehement zurück. Auch nach Einschätzung von Professor Schellhorn sagen bloße Wartezeiten nicht zwangsläufig etwas über die tatsächliche Versorgungsqualität aus. So haben Termine für Vorsorgeuntersuchungen generell einen recht langen Vorlauf, ohne dass die Betroffenen deswegen gesundheitliche Nachteile zu befürchten hätten.
Ungeachtet dessen wies Klaus Zok vom Wissenschaftlichen Institut der AOK nach, dass Wartezeiten nicht allein vom Versicherungsstatus abhängen. Ältere Patienten müssen sich mehr gedulden als jüngere, und in größeren Orten geht es grundsätzlich schneller als in kleineren. Ein Grund für die Benachteiligung der Älteren mag sein, dass bei ihnen keine Rücksicht auf die Berufstätigkeit genommen werden muss. Außerdem leiden Senioren oft unter chronischen Krankheiten, so dass es bei Kontrolluntersuchungen meist nicht auf den Tag ankommt. Die schnelle Versorgung in größeren Orten hingegen hängt nach den Worten von Schellhorn damit zusammen, dass dort die Dichte an Arztpraxen deutlich größer ist als auf dem Land.
»Ganz erstaunlich« findet der Kieler Wissenschaftler indes, dass Wartezeiten kaum Einfluss auf die Zufriedenheit mit ihren Ärzten haben. Viel wichtiger scheint zu sein, wie gut und lange man sich gegenseitig kennt, wie ausgeprägt also das Vertrauensverhältnis ist.
Statt sich auf Wartezeiten zu fixieren, die für Schellhorn »qualitativ nicht der relevante Faktor« sind, sollte die Wissenschaft nach seiner Einschätzung künftig verstärkt an andere Indikatoren herangehen. Als sinnvollen Ansatz bewertet er die Untersuchung des Politikers und Gesundheitsexperten Professor Karl Lauterbach, dessen Mitarbeiter in fast 200 Facharztpraxen im Raum Köln/Bonn/Leverkusen telefonisch um einen Termin baten. Privat Versicherte bekamen dabei im Schnitt nach knapp zwölf Tagen einen Termin zur Magenspiegelung, wohingegen Gesetzliche fast 37 Tage warten mussten.
Solche Befunde und auch die Herausnahme zahlreicher Medikamente aus dem Leistungskatalog der Kassen legen für Martin Schellhorn nahe, dass in Deutschland »durchaus von gewissen Aspekten einer Zweiklassenmedizin gesprochen werden kann«. Eine Umkehr dieses Trends kann er sich bei stetig steigenden Kosten des gesamten Gesundheitssystems kaum vorstellen. Wichtig sei aber eine Diskussion darüber, in welchen Bereichen Ungleichheiten gesellschaftlich hingenommen werden sollen und in welchen nicht, betont der Gesundheitsökonom.
Martin Geist
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