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unizeit Nr. 56 vom 24.10.2009, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Depression – biologisch gesehen

Psychotherapie hilft vielen Patienten mit Depression, aber nicht allen. Welche damit geheilt werden können, versuchen Kieler Wissenschaftler, mit biolo­gischen Markern vorherzusagen.


Untersuchungen im Schlaflabor zeigen, ob eine Psychotherapie erfolgreich ist. Foto: Picture Alliance

Dass Medikamente Blutwerte verändern können, ist naheliegend. Wirkstoffe, die wir schlucken, gelangen ins Blut und entfalten dort ihre Wirkung. Tatsache ist aber auch, dass Psychotherapie Blutparameter verändert. Das hat Dr. Jakob Koch vom Zentrum für Integrative Psychiatrie am Kieler Universitätsklinikum in einer Studie mit 30 Depressionspatienten nachgewiesen. Die Erkrankten absolvierten sechs Wochen lang eine Interpersonelle Psychotherapie (IPT). Vor der Behandlung, nach einer Woche sowie nach vier Wochen wurde im Blut der Patienten die Konzentration des Transkriptionsfaktors CREB gemessen. Im Gehirn fördert dieses Protein das Wachstum und die Verknüpfung von Nervenzellen. Es lässt sich aber auch in Blutzellen nachweisen. Bei Patienten, die erfolgreich mit antidepressiv wirkenden Medikamenten behandelt wurden, stieg dieser Faktor an, wie Koch in einer früheren Studie festgestellt hat.

»Jetzt haben wir geprüft, ob das nur ein Effekt der Medikamente ist.« Daher durften die Patienten nur Psychotherapie erhalten und keine Medikamente einnehmen.

Zur Überraschung des Kieler Forschers stieg die CREB-Konzentration bereits innerhalb der ersten Behandlungswoche deutlich an, allerdings nur bei den Patienten, die am Ende von der Psychotherapie profitierten. Das waren etwas mehr als die Hälfte der Behandelten. Das heißt, noch bevor der Patient selbst merkt, dass die Therapie in irgendeiner Weise anschlägt, lassen sich diese Veränderungen im Blut nachweisen. Wie Psychotherapie den Transkriptionsfaktor CREB in Blutzellen erhöht, ist noch vollkommen unklar. Koch: »Das muss bei einem Patienten, der Psychotherapie bekommt, etwas sein, dass von zentral nach peripher vermittelt wird. Da gibt es zahlreiche Verbindungen, zum Beispiel über die Stresshormone Cortison oder Adrenalin. Offensichtlich spielt sich bereits in den ersten Therapiestunden etwas ab, das für den Ausgang der Therapie wichtig ist.«

Im Durchschnitt vergehen aber mehrere Wochen, bis es den Patienten besser geht. Zeit, die verloren ist, falls die Therapie nicht anschlägt. Koch: »Deshalb sind wir so interessiert daran, Marker zu finden, die uns frühzeitig sagen, das wirkt.« Die Bestimmung des Transkriptionsfaktors CREB in Blutzellen reicht da nicht aus. »Der Effekt ist nicht so stark, dass wir im Einzelfall tatsächlich vorhersagen können, welcher Patient auf die Therapie ansprechen wird«, so Koch. »Das gelingt nur, wenn überhaupt, indem man verschiedene biologische Marker kombiniert, also verschiedene Untersuchungen beim Patienten macht.«

Lohnend kann zum Beispiel eine Untersuchung im Schlaflabor sein, die alle Teilnehmer der Psychotherapiestudie vor und nach der Behandlung absolvierten. Dabei hat Dr. Robert Göder, der Leiter des Schlaflabors am Kieler Universitätsklinikum, bestimmte Charakteristika des Schlafs gefunden, die mit einem Erfolg der Psychotherapie zusammenhängen. Ein auffälliges Merkmal war zum Beispiel die REM-Dichte, ein Maß für die Häufigkeit von schnellen Augenbewegungen. Göder: »Ist die REM-Dichte erhöht, spricht Psychotherapie schlechter an.« Diesen Patienten könne besser mit Medikamenten geholfen werden, wie eine weitere Untersuchung ergeben habe.

Kerstin Nees

Die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) hat sich in der Depressionsbehandlung bewährt. Sie ist Studien zufolge bei Patienten mit einer leichten bis mittelschweren Depression genauso effektiv wie die Behandlung mit Antidepressiva, braucht aber immer ein bisschen länger. Das heißt, etwa 60 Prozent der Patienten werden mit einer IPT gesund. Für die Akutbehandlung sind 12 bis 20 Einzelsitzungen vorgesehen, die vor allem am Anfang sehr dicht aufeinander folgen sollen. Eine Erhaltungstherapie mit monatlichen Sitzungen schließt sich häufig an.

Das Konzept der IPT geht davon aus, dass es – egal welche Ursache zugrunde liegt – eine Störung im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen gibt. Die therapeutische Arbeit setzt deswegen bei den aktuellen Lebensbezügen des Betroffenen an, die im Zusammenhang zur depressiven Episode stehen, zum Beispiel einem Partnerschaftskonflikt, Rollenveränderung im Rahmen von Mutterschaft oder Verrentung.

neabcde
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