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unizeit Nr. 56 vom 24.10.2009, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Aufschlussreiche Details

Schleswig, anno 1637: Margaretha Dalhusen soll einen verhassten Mann heiraten und wehrt sich. Das mag unbedeutend für den Lauf der Weltgeschichte sein. Dennoch lohnt es, solche Details zu erforschen.


Den niederländischen Maler Pieter Brueghel den Älteren, hier ein Ausschnitt aus »Die niederländischen Sprichwörter« (1559) interessierten alle Kleinigkeiten. Foto: Wikimedia

Persönliche Schicksale spielen für gewöhnlich in der Geschichtsforschung keine besondere Rolle, abgesehen vielleicht von denen der Herrscher und berühmten Personen. Das Volk an sich, zuweilen auch unterteilt in Schichten, wird oft nur als eine diffuse Masse betrachtet. Der Einzelne und damit der Reichtum des Lebens geht in dieser Masse verloren. Anders in der Mikrogeschichte. Diese relativ junge Forschungsrichtung in der Geschichtswissenschaft stellt bewusst kleine und kleinste Einheiten in den Mittelpunkt – ein Dorf, ein Ereignis oder eine bestimmte Person – um aus dieser Innenperspektive zeitgenössische Strukturen und ihre Bedeutung besser verstehen zu können und zu neuen Fragen vorzustoßen.

Auf den Ausgangspunkt von einer Person und auf die subjektive Perspektive setzt auch Professor Otto Ulbricht vom Historischen Seminar: »Wenn wir Geschichte reduzieren auf das, was repräsentativ ist, haben wir ein sehr verzerrtes Bild der Geschichte. Das bedarf der Ergänzung.« Ulbricht stellt daher den einzelnen Menschen ins Zentrum seiner Forschung und studiert daran allgemein relevante Fragen der Frühen Neuzeit. Er hat zum Beispiel das Eheanbahnungsdrama von Margaretha Dalhusen, das 1637 begann und sich über sieben Jahre hinzog, eingehend erforscht. Genauso wie die Geschichte eines Kaufmanns aus Flensburg, der 1713 als Spion des dänischen Königs unterwegs war. Die Forschung war auch deshalb möglich, weil er neben einer Vielzahl von Quellen auch auf autobiographische Dokumente zurückgreifen konnte. Von Margaretha Dalhusen liegt zum Beispiel ein Bericht vor, in dem sie detailliert schildert, wie sie gegen ihren Willen in die Ehe hineinmanipuliert wurde. »Eine durch die weibliche Perspektive und die detaillierte Schilderung ausgesprochen seltene Quelle«, so Ulbricht.

Der Kaufmann Frantz Böckmann hat einen privaten Spionagebericht aus dem Nordischen Krieg geschrieben. Diese Selbstzeugnisse erlauben tiefe Einblicke in das Denken, Handeln und Fühlen der Personen und ermöglichen so ein besseres Verständnis von größeren Vorgängen und Zusammenhängen.

In Margarethas Geschichte gibt es zum Beispiel Hinweise darauf, dass Eheverhandlungen nicht nur familienverbindend waren, sondern andauernde Familienfeindschaften hervorrufen konnten. Ulbricht: »Ich komme auf die Rolle der Frau, die sich vielleicht doch ein bisschen anders darstellt, als angenommen. Wer hat denn jemals nachgeforscht, wie viele Frauen sich geweigert haben? Da sieht man plötzlich, diese Frau besteht irgendwie auf einer Art von Zuneigung. Interessant ist auch, wer sie unterstützt. Das ist der Pastor.« Die Geschichte der Frauen müsse zwar in Anbetracht seiner Erkenntnisse nicht neu geschrieben werden. Aber vielleicht hätten sich Veränderungen im Rollenverständnis früher angebahnt.

An Böckmanns Geschichte ist weniger die Spionagetätigkeit selbst aufschlussreich, als vielmehr die Einblicke, die sich aus der Lektüre seiner Aufzeichnungen ergeben, zum Beispiel in den Kaufmannshabitus oder wie der Bürger Böckmann die Adelswelt erlebte. »Entscheidend für die Aussagekraft mikrogeschichtlicher Forschung ist die Kombination der Quellen, und zwar aller Quellen, zu einer bestimmten Sache oder Person. Diese zu finden und miteinander in Beziehung zu setzen, ist eine sehr mühsame Angelegenheit.« Ulbricht weiß, wovon er spricht, da er sich diese Mühe gemacht hat. In seinem Buch "Mikrogeschichte" präsentiert er das Ergebnis seiner Recherchen über Margaretha Dalhusen, Frantz Böckmann und vier weitere Personen der Frühen Neuzeit. Er führt den Leser in die unterschiedlichen Welten dieser Menschen ein und erläutert beispielhaft wichtige Themen der Frühneuzeitforschung. Auch wenn die Personen meist besondere Charaktere sind, erlauben sie dennoch allgemeine Einblicke. »Denn jeder besondere Lebenslauf enthält auch Teile vom Normalen. Die kann ich herausfiltern. Ansonsten würde ich an bestimmte Schichten überhaupt nicht herankommen.«

Kerstin Nees

Zum Weiterlesen:
Otto Ulbricht: Mikrogeschichte. Menschen und Konflikte in der Frühen Neuzeit. Frankfurt/Main 2009
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