Späte Ehre fürs Spätwerk
Arge Schmähungen wurden Robert Schumann mehr als ein Jahrhundert lang für sein Spätwerk zuteil. Zu Unrecht.

Robert Schumann (um 1850)
Foto: Ullstein Bild
Getrieben von posthumer Fremdscham verhinderte Schumann-Witwe Clara die Veröffentlichung und Aufführung einiger Kompositionen aus dieser Phase, bestimmte Stücke soll sie sogar verbrannt haben. Das erscheint zwar krass, passt aber durchaus ins Bild. Selbst Kritiker, die Schumann zu dessen Lebzeiten wohlgesonnen waren, wechselten nach 1856 ins Lager der Spätwerk-Skeptiker und weckten damit den wissenschaftlichen Argwohn von Michael Struck.
»Es handelte sich meist um ziemlich pauschale Urteile«, berichtet der Musikwissenschaftler und spricht von einem regelrechten »Rezeptionsknick«. Schumann schien mit Teilen seines Œuvres aus der Mode gekommen, seine späten Arbeiten wurden leichthin mit seiner, wohl aus einer Syphiliserkrankung resultierenden, "Geisteskrankheit" in Zusammenhang gebracht und als mehr oder weniger uninspiriert, ja minderwertig abgestempelt. Wenn freilich so viele so schnell dasselbe behaupten, kann das ein Anzeichen dafür sein, dass sich nicht allein das nüchterne Urteil Bahn bricht. Michael Struck vermutete das nicht nur, sondern er begründete es auch wissenschaftlich – erstmals in seiner Doktorarbeit und später in weiteren Publikationen.
Purer Zufall ist es, dass sein heute in Wien lehrender Kollege Reinhard Kapp ebenfalls im Jahr 1984 eine Dissertation veröffentlichte, die sich – zwar mit ganz anderer Herangehensweise, aber mit ähnlichen Schlüssen – das Schumannsche Spätwerk vornahm. Dass beide Wissenschaftler am 7. Juni mit dem hoch angesehenen Robert-Schumann-Preis der Stadt Zwickau ausgezeichnet wurden, kommt insofern ganz und gar nicht von ungefähr. Ausdrücklich würdigte die Jury damit die Leistung von zwei Experten, die ebenso nachdrücklich wie erfolgreich zur Ehrenrettung von Schumanns Spätwerk beigetragen haben.
Dr. Struck ging seinem Thema – den Instrumentalwerken aus Schumanns letztem eigentlichem Schaffensjahr 1853 – mit detaillierten Analysen und zuweilen nahezu detektivischen Methoden auf den Grund. Als einer der ersten Forscher konnte er die damals von Gerd Nauhaus (Zwickau) vorbereitete Edition von Schumanns Tagebüchern heranziehen und für jene Zeit systematisch auswerten. Dabei kam Struck zu dem Schluss, dass der damals 43-jährige Komponist zwar sehr introvertiert, doch künstlerisch sehr aktiv und kreativ war. Das Bild eines nur noch schwermütig vor sich hindämmernden Mannes bar jeder Kreativität schien also Klischee zu sein.
Genau das ergab sich auch aus dem Studium der Originalmanuskripte. Dass Schumanns späte Instrumentalwerke in den traditionellen Durchführungsteilen oft auffallend wenig modulieren, ja ungewöhnlich stark auf die Grundtonart fixiert sind, war dem Komponisten nörglerisch als Ausdruck einer von beginnender Umnachtung gezeichneten Einfallslosigkeit angekreidet worden. Tatsächlich aber verhält es sich ganz anders: Der Komponist arbeitete, wie Struck in einer Fallstudie zeigen konnte, vom modulatorisch Schweifenden auf die Grundtonart zu – mit bemerkenswerten expressiven Folgen.
Solch hart errungene scheinbare Schlichtheit wird gern als Schwester echter Größe betrachtet. Auf jeden Fall war es für Schumann innovativ. Und Reinhard Kapp wertet das Spätwerk tatsächlich als Krönung von Schumanns Schaffen. Ganz so enthusiastisch mag Michael Struck das späte Schaffen nicht sehen. Doch auch hier gilt, was alle Schaffensphasen des Romantikers auszeichnet: »Schumanns Musik ist sehr originell, sehr mutig, ja risikofreudig und fordert die Musiker bis heute immer wieder neu heraus.«
Martin Geist
Von Brendel bis Masur
Zwickau, der Geburtsort des großen Romantikers Robert Schumann, verleiht zu Ehren ihres berühmten Sprosses seit 1964 regelmäßig den Robert-Schumann- Preis. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert und wird sowohl an Musikwissenschaftler als auch an Musiker verliehen. Zu den berühmtesten Preisträgern gehören der Pianist Alfred Brendel, der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, der Sänger Peter Schreier und der ehemalige Leiter des Leipziger Gewandhauses, Kurt Masur. Dr. Michael Struck, der zusammen mit Dr. Reinhard Kapp aus Wien den Robert-Schumann-Preis 2009 erhalten hat, widmet sich mittlerweile einem anderen Schwerpunkt. Seit 1985 arbeitet er an der neuen Brahms-Gesamtausgabe am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Kiel. Eine Arbeit, die für die Erforschung und die Aufführung klassischer Musik von unschätzbarem Wert ist. (mag)
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