Exzerpieren
Scheinbar einfache und nebensächliche Tätigkeiten sind eine Wissenschaft für sich.

Foto: pur.pur
Zunächst einmal dient das Exzerpieren in der Hauptsache der Datenverwaltung: Schon während des Studiums fällt nämlich in der Regel eine Unmenge an Lektüre an. Um diese Flut an Informationen noch überblicken zu können, ist es notwendig, zentrale Thesen und Argumentationsschritte schriftlich festzuhalten. Dies gilt insbesondere dann, wenn man das angelesene Wissen irgendwann – sei es in Prüfungen oder eigenen Aufsätzen – wieder aufgreifen und weiterverarbeiten will. Hier ist ein gutes Exzerpt der Schlüssel zum Erfolg: Einerseits finden sich wichtige Aspekte leichter wieder, andererseits lassen sich Zitate aufgrund der wörtlichen Übertragung einzelner Stellen später ganz einfach in den eigenen Text übertragen, ohne die Originalquellen nochmals langwierig durchsuchen zu müssen.
Exzerpieren ist allerdings mehr als nur ein Instrument zur Arbeits- und Zeitersparnis. Abschnitte und Gedankengänge, die einmal aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst sind, lassen sich neu miteinander kombinieren – ein Aspekt, der im Computerzeitalter immer mehr in den Mittelpunkt rückt.
Besteht die Aufgabe des Exzerpts oberflächlich betrachtet zunächst einzig darin, Texte auf einige wenige Teilaspekte zu reduzieren, wird durch das Arrangement von Abschnitten gleichzeitig wieder Komplexität aufgebaut. Exzerpte sind kreativ. Sie zeigen dem Wissenschaftler etwas, das er vorher gar nicht wahrgenommen hat. So können durch Neukombination an bestimmten Stellen semantische Verdichtungen entstehen und Verbindungen zutage treten, die einen Sachverhalt plötzlich in ganz anderem Licht erscheinen lassen.
Damit erhält aber auch die Technik des Exzerpierens selbst ein neues Gesicht: Was anfangs als stupides Kopieren fremder Gedanken daherkommt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als nahezu unverzichtbare Inspirations- und Erkenntnisquelle. So gesehen hat also auch das in der Schule immer etwas schief beäugte Abschreiben mitunter durchaus seine Berechtigung – man muss es nur richtig zu nutzen wissen.
Kristin Eichhorn
Die Autorin studiert am Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien.
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität,
presse@uv.uni-kiel.de





