Frühwarnsystem für Prothesen
Ein Kunstgelenk ist darauf ausgelegt, lange zu halten. Diese Leistungsfähigkeit wird in Deutschland überhaupt nicht erfasst, kritisiert Professor Joachim Hassenpflug im unizeit-Interview.

Als Ersatz für ein verschlissenes Hüftgelenk stehen Joachim Hassenpflug etliche Modelle zur Auswahl. Qualität und Haltbarkeit der verschiedenen Prothesen lassen sich nur schlecht einschätzen. Foto: pur.pur
Joachim Hassenpflug: Glücksspiel ist aufgrund der Prozentzahl zu viel gesagt. Von den etwa 350.000 Knie- oder Hüftgelenksprothesen, die jedes Jahr in Deutschland eingebaut werden, halten 95 Prozent länger als zehn Jahre. Das ist ja fast eine Garantie. Tatsache ist aber auch, dass 30.000 Kunstgelenke im Jahr gewechselt werden. Und für Patienten ist es überhaupt nicht einschätzbar, und auch für den Fachmann ist es nur schwierig zu beurteilen, wie leistungsfähig die verwendete Prothese ist. Darüber gibt es in Deutschland keine Zahlen. Häufigkeit und Ursachen von Fehlschlägen sowie die Nutzungsdauer von Endoprothesen werden nicht systematisch erfasst.
Diese Daten soll ein Nationales Endoprothesenregister liefern, für das Sie sich seit Jahren einsetzen. Warum brauchen Sie diese Daten?
Das Ziel ist ganz konkret: Wir wollen damit Verbesserungen für den Patienten erreichen. Was ein solches Register leisten kann, zeigen die Erfahrungen aus Schweden, wo bereits seit Anfang der neunziger Jahre ein Prothesenregister geführt wird. Durch dieses Register konnte die Quote an Fehlschlägen halbiert werden. Wobei man allerdings sagen muss, im schwedischen Register sind jetzt über die Jahre hinweg insgesamt so viele Patienten drin, wie wir etwa in einem Jahr operieren. Das heißt, wir diskutieren über eine ganz andere Größenordnung.
Und es reicht auch nicht aus, nur die Daten von Einbau und Wechsel der Gelenke zu erheben und statistisch auszuwerten. Man muss auch die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Und das geht nur, wenn, wie in Schweden der Fall, Fachleute bei Erhebung und Auswertung beteiligt sind. In Finnland zum Beispiel ist es ganz anders gelaufen. Da wurde ein administratives System installiert. Die gesammelten Daten wurden durch einen Computer geschickt und die resultierende Statistik ins Netz gestellt. Das allein bringt noch gar nichts.
Denn die Frage, warum diese und jene Prothese so und so lange hält oder nicht hält, hängt von ganz vielen unterschiedlichen Einflussgrößen ab. Unter anderem davon, wie die Prothese aussieht, wie sie verankert ist, welches Material verwendet wurde und wie geschickt der Operateur ist. Rückschlüsse aus den erhobenen Daten können daher nur Fachleute ziehen.
Nach welchen Kriterien entscheiden Ärzte bisher, welches Produkt eingesetzt wird und welche Operationsmethode die richtige ist?
Das ist ein ganz komplexes Problem. Man guckt natürlich, wie sich in der Vergangenheit ein bestimmtes System bewährt hat, ob es Hinweise gibt, dass damit Fehlschläge aufgetreten sind, ob Veröffentlichungen über Probleme vorliegen. Allerdings gibt es bei Veröffentlichungen auch eine Tendenz, eher positive als negative Mitteilungen zu machen. Das heißt, die negativen Mitteilungen werden nicht so schnell gestreut und erreichen auch nicht alle.
Gibt es so etwas wie eine schwarze Liste von Modellen, die man besser nicht verwenden sollte?
Nein. Das Bundesinstitut für Arzneimittelsicherheit soll eigentlich alle Fehlschläge erfassen. Die Information über Fehlschläge kommt aber, wenn überhaupt, nur mit einer zeitlichen Verzögerung dort an. Die Dunkelziffer ist unheimlich hoch. Nehmen Sie den jetzt bekannt gewordenen Fall in Freiburg. Dort wurde in den Jahren 2004 bis 2007 ein neues Modell einer Hüftgelenksprothese eingebaut, das sich im Nachhinein als fehlerhaft herausgestellt hat. In Freiburg müssen bei rund 30 Betroffenen die Prothesen gewechselt werden. Wer sonst alles die Modelle bekommen hat, muss erst noch herausgefunden werden.
Fachleute tauschen sich auf Kongressen darüber aus, welche Prothesen gut oder schlecht sind. Aber das sind alles keine repräsentativen Aussagen. Die beruhen auf Erfahrungen aus kleineren Gruppen. Es gibt aber inzwischen Hinweise darauf, dass solche Kohortenstudien, also kleine Gruppen, vielfach ganz andere Zahlen liefern als die Betrachtung der Gesamtheit, die dann wirklich das objektive Maß wäre.
Was mache ich als Patient, wenn ich ein künstliches Gelenk brauche? Muss ich einen Arzt suchen, der häufig zu Kongressen geht?
Sie müssen sich einen Arzt suchen, dem Sie vertrauen. Vertrauen ist wirklich die ganz entscheidende Grundlage. In die Entscheidung, welche Prothese genommen wird, gehen ganz viele Faktoren hinein. Ihr Arzt sollte Ihnen Vor- und Nachteile erläutern und nicht bloß sagen, das wird schon alles gut gehen. Er sollte Ihnen auch berichten, dass mit jeder Operation Probleme verbunden sein können, offen über diese möglichen Probleme sprechen und möglichst auch noch sagen, wie häufig das eine oder andere Problem auftritt. Daraus können Sie schließen, dass er weiß, was er tut, und seine Patienten auch noch nach der Operation weiter beobachtet.
Das Interview führte Kerstin Nees
Ein Konzept für diese Datenzusammenführung liegt vor. Die Umsetzung ist allerdings ins Stocken geraten, nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, ein neues Institut mit der Qualitätssicherung beauftragt hat. (ne)
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