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unizeit Nr. 56 vom 24.10.2009, Seite 8  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Zwischen Supermann und Schulabbrecher

Jungen schneiden in der Schule schlechter ab als Mädchen, später werden sie häufiger arbeitslos als Frauen. Dabei fehlt ihnen in der Kindheit manchmal nur ein Mann als Vorbild.


Foto: iStockphoto

Früher, da konnte der Mann noch mit der Axt in den Wald gehen und dort seine Muskeln spielen lassen. Oder auf die Jagd. Wenn er auf einen Konkurrenten traf, dann machten beide schnell und auf sehr männliche Art untereinander aus, wer letztlich das Sagen hatte. Aber auch das spätere zivilisierte Zusammenleben sorgte dafür, dass Jungen ein klares, durch ihren Vater vorgegebenes männliches Vorbild erhielten: Wer der Herr im Hause war und was der Junge durfe und was nicht.

In der postmodernen Welt jedoch ist einerseits körperliche Gewalt verpönt (auch wenn sie in verschiedenen Formen fortexistiert) und andererseits scheinen die herkömmlichen geschlechtsspezifischen Orientierungsbilder zu schwinden. Dies führt beim männlichen Geschlecht zu einer Art Identitätskrise. Diese verunsichert nicht nur die betroffenen Jungen, sie beunruhigt auch Eltern, Erzieher und Politik immer mehr. Die Gründe sind in der frühesten Entwicklungsphase der Jungen zu suchen.

Erstens: Jungen fehlt immer häufiger ein männliches Vorbild. Bedingt durch hohe Scheidungsraten zerfallen beispielsweise die klassischen Familienmuster. In den meisten Fällen wird die weitere Erziehung der Kinder der Mutterseite zugesprochen – den Jungen fehlt somit der männliche Gegenpart. Was übrig bleibt, sind künstliche "Superväter" aus Filmen oder Computerspielen.

Zweitens: Jungen haben statistisch gesehen schlechtere Schulabschlüsse als Mädchen. Sie sind im Schnitt unruhiger und damit für die Lehrkraft eine größere Herausforderung, was sich letztlich auch in ihrem Notenspiegel niederschlägt. Sie brechen häufiger Schule und Ausbildung ab. Als junge Männer sind sie in gering qualifizierten Berufen überproportional vertreten, und sie sind häufiger arbeitslos als weibliche Jugendliche. Dies beunruhigt inzwischen sogar die deutsche Wirtschaft. Weil vielen Männern der Zugang zu einer höheren Qualifikation verwehrt bleibt, zeichnet sich bereits heute ein eklatanter Mangel an Fachkräften in typisch männlichen Berufen wie Ingenieur oder Informatiker ab.

Drittens: Gewalt ist männlich und sie nimmt zu. Jungen mit Migrationshintergrund oder aus sozial schlechter gestellten Familien neigen stärker zur Gewaltkriminalität. Bei deutschen Jugendlichen sind schlecht ausgebildete und frustrierte junge Männer eine willkommene Zielgruppe für rechtsradikale Gruppierungen, die aus diesem Milieu ihre Mitglieder rekrutieren.

Immer häufiger lässt sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen beobachten, wie eine Art "Männlichkeitslücke" sich zu einem großen Problem auswächst. Zwar wird es noch durch keine Studie belegt, aber ein Buch beschäftigt sich mit diesem Phänomen – und trägt eben diesen Titel. Sein Autor, Andreas Gössling, erzählt in großem Bogen eine beim biblischen Abraham beginnende Kulturgeschichte des Vaters, er setzt sich mit den Idealen der 68er-Generation und ihren Erziehungsideen auseinander und zeigt mögliche Lösungsansätze.

Psychologen haben das Problem erkannt arbeiten an potentiellen Antworten. Professor Thomas Bliesener vom Institut für Psychologie erklärt, dass Jungen sehr stark an Hierarchien denken. Sie bräuchten deshalb nicht nur einen Vater, sondern viele Förderväter. Der Experte beklagt einen Trend zur Verweiblichung in der frühesten Ausbildungsphase: »Es kann nicht sein, dass Kinder durch den Kindergarten und die weiterführende Schulausbildung gehen, ohne mit Männern konfrontiert zu sein«, so der Psychologe. Man müsse deshalb verstärkt Männer in diese Berufe hineinbringen.

Zum anderen drücke sich Männlichkeit stark durch Körperlichkeit aus. Diese werde aber allgemeingesellschaftlich tabuisiert. Unter dem Etikett der Gewaltprävention werde das Ausüben von Körperlichkeit unterbunden. In handwerklichen Berufen kann sie wegen der vielen modernen Hilfsmittel nicht ausgelebt werden. Auch dies verhindere das Selbstwertgefühl, ein "starker Kerl" zu sein.

Deshalb stellt sich für einen Entwicklungspsychologen die Frage: Wie lernen Jungen den Umgang mit Körperlichkeit? Hier könnte eine Studie aus Italien helfen. Diese befasst sich mit dem "rough and tumble play", also mit Raufspielen, die Jungs mit ihren Vätern betreiben. »Es hat sich herausgestellt, dass diese Raufspiele eine sehr wichtige Sozialisationsfunktion haben. Es gelingt den Vätern, den Jungen Sozialkompetenz beizubringen, weil in solchen Spielen auch vereinbart wird: Wenn Schluss ist, dann ist Schluss!«, so Bliesener. Dadurch können Väter ihren Söhnen aufzeigen, wo ihre Grenzen sind. Fehlt hingegen ein Erwachsener, um dem Wutausbruch eines zornigen Jungen zu begegnen und ihn zur Raison zu bringen, dann fehlt ein Stück eben dieser Sozialisation.

Michael Wieczorek


Zum Weiterlesen: Andreas Gössling: Die Männlichkeitslücke. München 2008
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