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unizeit Nr. 57 vom 12.12.2009, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Vermessung der Unterwelt

Die unter Wasser liegenden Höhlen auf der Halbinsel Yucatán in Mexiko bieten ein nahezu unerforschtes Gebiet für Archäologen. Höhlentaucher der Uni Kiel waren dort.


Für Höhlentaucher ist es überlebenswichtig, die wegführende Leine nicht zu verlieren. Bei Abzweigungen und Kreuzungen helfen spezielle Markierungen, den Rückweg zu finden. Foto: Uli Kunz

Der Einstieg ist ein kleiner, schlammiger Tümpel. Die Maya nennen ihn "Chan Hol" – kleines Loch. Nur die weiße Leine an der Wand, die den Weg in die Tiefe weist, lässt die Geheimnisse unter der Wasseroberfläche erahnen. Das Höhlensystem "Toh Ha" im Nordosten von Yucatán ist über 30 Kilometer lang, komplett unter Wasser und schwer zugänglich. Aber nicht zu schwer für Profis wie Florian Huber und sein Team vom Institut für Ur- und Frühgeschichte. Auf Knien zwängen sich die Kieler Wissenschaftler durch eine Engstelle und tauchen ein in die fantastische Unterwasserwelt, in der sie neben Zeugnissen aus der Mayazeit auch prähistorische Funde erwarten. Alle haben eine Spezialausbildung fürs Höhlentauchen absolviert. Sie wissen, wie man sich in den sich immer wieder verzweigenden, extrem dunklen Höhlengängen unter Wasser zurechtfindet. Das ist überlebenswichtig, denn der Weg bis zum nächsten Ausstieg kann sehr weit sein.

In einer vierwöchigen Expedition hat das fünfköpfige Team der Kieler Uni in Zusammenarbeit mit Archäologen des Instituto National de Antropología e Historia (INAH) verschiedene Höhlensysteme im Umkreis des Urlaubsortes Tulum an der Karibikküste erkundet. Der Anfang der Höhle, die die Forschungstaucher untersuchen und kartieren wollen, besteht aus recht flachen Gängen. In einer Spalte liegen Keramiken aus der Mayazeit. Die Töpfe wurden von einem Taucher im Eingangsbereich der Höhle entdeckt und aus dem Schlammgrund in eine Höhlenspalte versetzt, um sie vor allzu neugierigen Augen zu schützen. Das eigentliche Ziel der Forscher liegt weiter innen in dem Höhlenlabyrinth, etwa 250 Meter vom Eingang entfernt: die Überreste einer großen Feuerstelle aus Urzeiten, als die Höhle noch trocken war.

»Die sieht aus, als hätte sie gestern noch gebrannt«, berichtet Florian Huber, der die Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie leitet, beeindruckt. »Das ist schon fantastisch, dass sich eine Feuerstelle so unglaublich lange erhalten hat. Das Wasser muss wirklich ganz, ganz langsam in der Höhle angestiegen sein, so dass es kaum Strömung gab. Sonst wäre die Holzkohle auseinandergespült worden.« Die Wissenschaftler haben die Feuerstelle vermessen, gezeichnet und mit Film- und Fotoaufnahmen dokumentiert. Ein Stück Holzkohle nahmen sie mit, um die Holzart zu bestimmen und eine Probe im Leibniz-Institut für Altersbestimmung und Isotopenforschung datieren zu lassen. Das Ergebnis liegt zwar noch nicht vor, aber es ist davon auszugehen, dass es an die 10.000 Jahre alt ist, weil danach die Höhlen überflutet wurden.

Noch weiter im Inneren der Höhle liegt ein ähnlich altes menschliches Skelett. Drei weitere wurden in umliegenden Höhlen entdeckt. Der Weg vom Eingang bis zu dem Skelettfund misst ungefähr 600 Meter und dauert für die Taucher rund 40 Minuten. Feuerstelle und Knochenfunde weisen darauf hin, dass die Höhlen in irgendeiner Art und Weise genutzt wurden. »Ich frage mich allerdings, wie die sich dort unten orientiert haben. Selbst für uns, mit Hightech-Ausrüstung, starken Lampen und Schnüren, ist das nicht ganz einfach«, so der Unterwasserarchäologe.

Ein ungewöhnlicher Ort für die Reste einer Feuerstelle. Die Holzkohle stammt aus einer Zeit, als die Höhle noch im Trockenen lag, und ist etwa 10.000 Jahre alt. Foto: Uli Kunz

Um sich einen Überblick von Lage und drei-dimensionaler Form der Höhle sowie Anordnung der Funde zu verschaffen, haben die Taucher sie vom Eingang bis zur Feuerstelle komplett vermessen – mit Maßband und Kompass. Auf wasserfestem Papier notierten sie ihre Messergebnisse, später gaben sie diese Daten in den Computer ein und erstellten eine Karte. Huber: »Die 3D-Dar­stellung gibt einen guten Eindruck von den Begebenheiten vor Ort.«

Mit ihren Forschungen stehen die Kieler Wissenschaftler und ihre mexikanischen Kollegen noch am Anfang. Interessant ist es allemal. Denn bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass Mexiko um 10.000 v. Chr. noch nicht besiedelt war. Die ältesten Funde im Land waren etwa 4000 Jahre alt. Mit den neuen Erkenntnissen gewinnt man eine völlig neue Auffassung von der Besiedlung des Landes. »Das ist wirklich ein ganz neues Feld. Jetzt erst ahnt man, welches archäologische Potenzial die Höhlen verbergen. Denn bereits in dem kleinen Gebiet um Tulum, dem Höhlentauchmekka mit Dutzenden Tauchschulen vor Ort, wurden schon viele Hinterlassenschaften gefunden.«

Die meisten Höhlen von Yucatán, in die man über schätzungsweise 5000 im Land verstreut liegende Einsturzlöcher eintauchen kann, sind jedoch noch unerforscht. Diese so genannten Cenoten sind mit Süßwasser gefüllt und dienten den Maya zum Teil als Frischwasserquelle, zum Teil aber auch als Opferplätze und "Friedhöfe". Skelettfunde und Keramiken aus der Mayazeit an den Eingängen der Höhlen belegen das. »Durch die ewige Dunkelheit, die konstante Wassertemperatur und die chemische Zusammensetzung des Wassers haben sich all diese Funde so wahnsinnig gut erhalten«, freut sich Huber, der bereits den nächsten Ausflug in die geheimnisvolle Unterwelt der Maya im Sommer 2010 vorbereitet.

Kerstin Nees
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