Es war einmal ...
... vor über 150 Jahren, da lebten zwei Gelehrte, Märchensammler und Brüder. Wilhelm und Jacob Grimm prägten nicht nur die Literaturgeschichte Deutschlands, sondern auch die deutsche Sprache. Am 16. Dezember ist Wilhelm Grimms 150. Todestag.

Auszug aus dem zuerst erstandenen Band des Grimmschen Wörterbuchs, ergänzt durch handschriftliche Nachträge von Wilhelm Grimm. Foto: www.grimmforum.de
Professor Steffen Martus vom Institut für Neuere Deutsche Literatur hat sich in seiner neu erschienenen Grimm-Biographie auf die Spuren der Brüder begeben. »Für mich sind Wilhelm und Jacob Grimm die modernsten Traditionalisten ihrer Zeit«, so Martus. »Sie vertieften sich in Bibliotheken und interessierten sich für alle Inhalte der Vergangenheit. Gleichzeitig aber war ihr Umgang mit der deutschen Sprache geradezu radikal modern.« Eine Spannung, die sich auch in ihrem gewaltigsten und zugleich letzten Werk widerspiegeln sollte: dem Deutschen Wörterbuch. Darin wird die Endgültigkeit von Wissen in Frage gestellt, und es wird als etwas sich ständig Veränderndes und Flexibles betrachtet. Ein breiter Korrekturrand diente beispielsweise der steten Erweiterung des Inhaltes selbst während des Druckvorgangs. Die Anwendungsmöglichkeiten der Begriffe wurden durch Zitate von Luther bis Goethe beschrieben, und die Auswahl der Wörterbucheinträge betonte einmal mehr das starke Nationalgefühl der Brüder. Denn nur Begriffe, die ihrer Herkunft nach deutsch waren oder die über Generationen hinweg zu einem Teil unserer Sprache geworden waren, wurden in das Grimmsche Wörterbuch aufgenommen.
Wilhelm Grimm widmete sich seiner Aufgabe mit besonderer Sorgfalt, was dazu führte, dass seine Arbeit sehr langsam voranschritt. Bis zu seinem Tod gelang es ihm lediglich, den Buchstaben D zu bearbeiten, während sich Jacob den Buchstaben A, B, C, E und teils auch F widmete. Vor allem Wilhelms bedächtige Arbeitsweise verzögerte das ehrgeizige Projekt immer wieder, so dass bis zu seinem Tod einzig ein Band die Druckreife erreichte. Vier Jahre und zwei Bände später starb auch Jacob. Aus der geplanten Schreibphase von cirka zehn Jahren wurden schließlich über 120 Jahre und 32 Bände. Vollendet wurde das Werk postum von zahlreichen Mitarbeitern, die es im Sinne der Brüder fortführten. Keine leichte Aufgabe, denn die von Jacob gewünschte Orthographiereform mithilfe des Wörterbuches umzusetzen widerstrebte Wilhelm.
Stattdessen zog er es vor, die Begriffe ihrer tatsächlichen Aussprache nach aufzunehmen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, dass das Resultat ein heterogenes, unbeständiges und in vielerlei Hinsicht konzeptloses Werk ist, das gleichwohl bis heute immer wieder zitiert wird. Martus: »Durch die verschiedenen Charaktere und Einstellungen der Brüder entstand somit ein dynamisches Zeugnis von sich wandelnder Sprache und ein Zeugnis der verschiedenen Zugänge zu dieser Sprachbewegung.«
Claudia Eulitz
Zum Weiterlesen:
– Steffen Martus: Die Brüder Grimm – Eine Biographie. Berlin, 2009
– Online-Wörterbuch unter: germazope.uni-trier.de/Projects/DWB
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