Deutschland ungleich Bildungsland
Arbeiterkinder als Akademiker haben immer noch Seltenheitswert. Soziologen suchen nach den Ursachen.

Foto: Digital Stock
Spätestens am Ende der Grundschulzeit und erst recht beim Eintritt in die gymnasiale Oberstufe erscheint Deutschland immer noch wie eine eigentlich längst überwunden geglaubte Klassengesellschaft. Nur 36 Prozent der Arbeiterkinder besuchen nach der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks die 11. bis 13. Klassen einer allgemeinbildenden Sekundarschule. Angestellten- und Selbstständigensprösslinge bringen es dagegen auf eine Quote von mehr als 60 Prozent, der Beamtennachwuchs macht sich sogar mit einer Wahrscheinlichkeit von 74 Prozent auf den Weg zum Abitur. Und wohl dem Kind, das aus einer Beamtenfamilie stammt und dessen Vater einen Hochschulabschluss hat: Sogar 87 Prozent dieser Gruppe besucht eine Sekundarstufe II mit dem Ziel, das Abitur zu erwerben.
Professorin Monika Jungbauer-Gans, Bildungssoziologin an der Universität Kiel, nennt weitere Fakten, die ebenso unverständlich wie erschreckend erscheinen. »Trotz gleicher Leistung erhalten Arbeiterkinder am Ende der Grundschulzeit viel seltener eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus anderen Schichten«, berichtet die Wissenschaftlerin. An den Pforten der Hochschulen verstärken sich die Ungleichheiten sogar noch einmal, denn von den ohnehin weniger Arbeiterkindern mit Abitur landen wiederum weniger in Hörsälen, Laboren oder Seminarräumen. So befanden sich 2005 nur 17 Prozent der Arbeiterkinder unter den Studienfängern, während sich 65 Prozent der Beamtenkinder an einer Hochschule eingeschrieben hatten. Innerhalb des Hochschulsystems ergeben sich laut Jungbauer-Gans zudem weitere Unterschiede. Wenn sich der Nachwuchs aus den unteren sozialen Schichten schon fürs Studium entscheidet, strebt er mit auffallend hoher und weiter wachsender Wahrscheinlichkeit in die Fachhochschulen und nicht in die Universitäten. Das wiederum scheint viel mit individuellen Bildungsbiografien zu tun zu haben. Schulabschluss, Berufsausbildung und daran anknüpfend ein praxisbezogenes FH-Studium – dieser Weg liegt für Arbeiterkinder viel näher als für Akademikerkinder, erklärt Monika Jungbauer-Gans.
Studiengebühren und das zur Hälfte auf Krediten beruhende BAFöG wirken auf junge Leute aus weniger betuchten Elternhäusern zwar tendenziell abschreckend, erklären die Ungleichheiten nach Einschätzung der Soziologin aber nur zum Teil. Nicht zu vernachlässigen ist aus ihrer Sicht etwa die Haltung der Eltern, die in aller Regel versuchen, ihren Sprösslingen den eigenen sozialen Status zu bewahren, egal ob "oben" oder "unten". Strebt des Müllwerkers Tochter also zur Uni, stößt das zu Hause nicht selten auf ein gewisses Unverständnis oder gar auf Ablehnung. Es ist also keineswegs so, dass Eltern ihren Kindern wünschen, sie sollen es einmal besser haben.
Umgekehrt sieht sich der Apothekersohn, der eine Fleischerlehre antreten will, einem massiven Rechtfertigungsbedarf ausgesetzt. Mehr wissenschaftliches Licht in die Problematik bringen soll ein groß angelegtes Forschungsprojekt, an dem auch die Soziologinnen der Uni Kiel beteiligt sind. Unter dem Stichwort "Deutsches Bildungspanel (NEPS)" sollen vom Neugeborenen bis zum Berufstätigen in der Weiterbildung die Entwicklungen der Lebens- und Bildungsläufe über einen langen Zeitraum hinweg beobachtet sowie soziale Hintergründe ebenso wie die Haltungen von Eltern und Lehrern beleuchtet werden. Interessant für Monika Jungbauer-Gans ist dabei besonders, welche Auswirkungen Bildung auf Aspekte wie Einkommen, Gesundheit, soziale Teilhabe, Familiengründung, aber auch auf abweichendes Verhalten hat.
Dass dieses auf zunächst fünf Jahre genehmigte, aber auf mindestens zehn Jahre angelegte und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Mammutprojekt an den richtigen Stellen ansetzt, steht für Jungbauer-Gans bereits fest, auch wenn mit ersten Ergebnissen nicht vor 2010 zu rechnen ist: »Schon knallhart bildungsökonomisch gesehen, ist es unbedingt nötig, dass die ungenutzten Reserven unter den Kindern aus den Arbeiter- und genauso den Migrantenfamilien viel besser erschlossen werden.«
Martin Geist
Schwierige Abgrenzung
Eines ist in der Wissenschaft unbestritten: Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen beruflicher Stellung der Eltern und den Bildungskarrieren ihrer Kinder. Glasklar abgrenzen lässt sich der Erwerbsstatus allerdings nicht immer. Als Angestellte gelten zum Beispiel gleichermaßen Bürohilfskräfte wie Manager in Großunternehmen. Und auch die Gruppe der Selbstständigen erstreckt sich vom Kurierfahrer bis zum Mittelständler, der vielleicht 500 oder 1000 Menschen beschäftigt.
Etwas homogener zusammengesetzt ist die Arbeiterschaft, doch auch hier gibt es etliche Grenzfälle. So werden laut Wirtschaftslexikon Gabler Verkäuferinnen den Angestellten zugerechnet, Kellner oder Straßenbahnschaffner dagegen den Arbeitern. Die Warenhausmitarbeiterin wiederum, die überwiegend Obst- und Gemüseregale füllt, dürfte eher den Status einer Arbeiterin haben. Andererseits verdienen zahllose Facharbeiter in einem hohen Maße ihr Geld mit geistiger Arbeit. Die in unserem Beitrag über Arbeiterkinder an der Uni genannten Zahlen stammen aus der neuesten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks und beruhen auf Selbsteinstufungen der Befragten. (mag)
Etwas homogener zusammengesetzt ist die Arbeiterschaft, doch auch hier gibt es etliche Grenzfälle. So werden laut Wirtschaftslexikon Gabler Verkäuferinnen den Angestellten zugerechnet, Kellner oder Straßenbahnschaffner dagegen den Arbeitern. Die Warenhausmitarbeiterin wiederum, die überwiegend Obst- und Gemüseregale füllt, dürfte eher den Status einer Arbeiterin haben. Andererseits verdienen zahllose Facharbeiter in einem hohen Maße ihr Geld mit geistiger Arbeit. Die in unserem Beitrag über Arbeiterkinder an der Uni genannten Zahlen stammen aus der neuesten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks und beruhen auf Selbsteinstufungen der Befragten. (mag)
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