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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 57 vom 12.12.2009, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Eine andere Welt

Sie hat prima Noten, große Freude an ihrem Studium – und tut sich manchmal doch schwerer als ihre Kommilitonen. Christin Pries ist ein Arbeiterkind.


Christin Pries studiert gern. Doch besonders am Anfang war die Uni für sie eine fremde Welt. Foto: mag

Nach der gängigen Definition gilt als Arbeiterkind, wessen Vater, egal ob ungelernt oder mit Berufsabschluss, ein Arbeiter ist. Auf Christin Pries trifft diese Vorgabe gleich doppelt zu. Ihr Vater ist Kfz-Elektriker und als Servicetechniker bei der Kieler Verkehrsgesellschaft tätig. Die Mutter hat Floristin gelernt und verdient ihr Geld in der Obst- und Gemüseabteilung eines Verbrauchermarktes.

Mächtig stolz waren beide, als ihre Christin vor viereinhalb Jahren das Abitur bestand. Schließlich war sie damit in der Familie die Erste, die es dazu gebracht hatte. Und sie war von Anfang an entschlossen, die damit verbundenen Chancen zu nutzen.

»Eine Lehre kam für mich nie in Frage«, erinnert sich Christin Pries, die ihren Eltern dankbar ist, dass sie trotz leiser Bauch­schmerzen nie ernstlich versucht hatten, ihr den Wunsch nach einem Studium auszureden. Nicht einmal der Umstand, dass sich die Kielerin für die als eher brotlos geltende Fächerkombination Politikwissenschaft, Neueste Geschichte und Öffentliches Recht entschied, konnte den familiären Rückhalt erschüttern.

Inzwischen studiert Christin Pries im neunten Semester und ist nach wie vor überzeugt, dass sie es richtig gemacht hat. Am Anfang allerdings sah es nicht unbedingt danach aus. »Uni, das ist schon eine ganz andere Welt«, denkt die 24-Jährige zurück und gesteht, dass sie im ersten Jahr erhebliche Umstellungsschwierigkeiten hatte. Wie spricht man eigentlich einen Professor an? Und was ist beim Verfassen einer Hausarbeit zu bedenken? Solche ganz praktischen Fragen bereiteten Christin ordentlich Kopfzerbrechen. »Es war ja niemand zu Hause, der mit so etwas Erfahrung hatte«, nennt sie als eine Ursache dafür. Dazu kam noch der Eindruck, dass die anderen Studierenden irgendwie viel souveräner mit ihrer Situation umzugehen schienen.

Dieser Eindruck war wohl nicht ganz falsch, denn selbst nach vertieftem Überlegen fällt ihr in ihrem studentischen Umfeld niemand ein, bei dem nicht wenigstens ein Elternteil studiert hätte. Arbeiterkinder erleben sich teils auch sehr handfest als Minderheit.

Mit Diskriminierung, betont Christin Pries, habe das aber überhaupt nichts zu tun. »Ich habe zwar einen anderen Hintergrund, aber mein Studium finde ich trotzdem wirklich toll.« Und sogar ihrer vergleichsweise angespannten finanziellen Situation kann sie Positives abgewinnen. Nach BAFöG-Standards sind ihre Eltern nicht arm genug, nach Christin Pries' eigenen Maßstäben aber auch nicht reich genug, um regelmäßig das Scheckbuch zu zücken. Also arbeitet die Studentin zwei volle Tage in der Woche an der Kasse eines Supermarkts. Damit das Studium nicht zu sehr leidet, ist jeder Sonnabend ein Arbeitstag. Was sie zwar manchmal als lästig empfindet, unterm Strich aber auch als lehrreich: »Man bewahrt sich damit den Blick fürs wirkliche Leben und wird sich bewusst, dass nicht alles nur Uni ist.«

Ende 2010 will Christin Pries ihren Abschluss machen, danach möglichst einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit finden. Doch das wollen viele, und die meisten von ihnen hatten wesentlich mehr Zeit, mit Praktika Punkte bei den potenziellen Chefs zu sammeln. Es ist eben trotz allem nicht immer leicht, ein Arbeiterkind zu sein.

Martin Geist
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